| Pressemeldung | Nr. 151
Eröffnungsgottesdienst zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda
Lesung: Esra 1,1–6
Evangelium: Lk 8,16–18
Liebe Geschwister im Glauben!
Die Ouvertüre des Buches Esra zählt zu den großen Hoffnungserzählungen Israels. Der Text steht zentral im großen chronistischen Geschichtswerk, das einen weiten Bogen schlägt von Adam bis zur Neugründung der Jerusalemer Gemeinde nach dem Exil. Da tun sich also die Tore der Zukunft von ganz unerwarteter Seite auf. Der Perserkönig Kyros will die Macht in seinem riesigen Reich durch eine veränderte Religionspolitik sichern und gewährt dem kleinen biblischen Volk der Levante neue Freiheiten und eine begrenzte Eigenständigkeit. Offenkundig unterstützt er sogar den Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels als religiöses Zentrum der Juden. Und für sie ist es vollkommen klar: Der Perserkönig ist ein Instrument in den Händen Gottes, und Gott allein lenkt die Geschicke seines Volkes. Im Untergang und in der jahrzehntelangen babylonischen Gefangenschaft vollzieht er sein Gericht, durch Kyros erbarmt er sich seines Volkes und schafft es neu.
Wie sehr die Geschichtstheologie Israels bis heute nachwirkt, das zeigte mir die Bezugnahme des israelischen Ministerpräsidenten auf die Befreiung durch den Perserkönig in einem Interview während des zwölftägigen Krieges gegen den Iran im Juni.(1) Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie entfaltet oft eigentümliche Spiegelungen.
Die Einsicht, dass unser Herr viele Möglichkeiten hat, seiner Kirche von außen und von unerwarteter Seite beizuspringen, um sie zu erneuern und zur Entfaltung ihrer besten Kräfte zu animieren, damit sie demütig und bescheiden mit anderen zum Wohl der Menschen und zum Aufbau des Reiches Gottes kooperiert, diese Erkenntnis hat sich in der Kirche durch das Zweite Vatikanische Konzil geistvoll in Erinnerung gebracht. Die Bedeutung als Sakrament und Instrument des Heils muss nicht exklusiv verstanden werden, wie es über Jahrhunderte geschah („extra ecclesiam nulla salus“); das traditionelle Verständnis muss auch nicht verworfen werden, aber interpretiert und relativiert kann es zu einer universellen Heilshoffnung weiterentwickelt werden, die auch in anderen Religionen Heiliges, Wahres und Gutes erkennt. Damit ist die Erklärung Nostra aetate (1965) über das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, insbesondere zum Judentum und zum Islam, geradezu beispielhaft geworden für die Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre. Ökumenismus, Dialog mit den Religionen, Akzeptanz der Religions- und Gewissensfreiheit mit entsprechenden Konsequenzen wurden durch diese Einsicht möglich.
Gott nimmt auch andere in seinen Dienst. Wir sind nicht die einzigen Akteure zugunsten der Leidenschaft Gottes für die Welt. „Der Wind weht, wo er will“, sagt der Herr, „du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist“ (Joh 3,8). Für mich ergeben sich daraus praktische Konsequenzen: Zum einen braucht es eine deutliche Zurückweisung jener merkwürdigen neointegralistischen Versuche, die in rechtskonservativen Kreisen an den Rändern der Kirche ersponnen werden – vermutlich aus purem Unwillen oder Unfähigkeit heraus, sich mit den gesellschaftlichen Entwicklungen einer säkularen Welt und weltanschaulich neutralen Staaten in einen konstruktiven Dialog zu begeben. Solche Gläubige machen sich mitunter zu Handlangern derer, die den antidemokratischen Umbau ganzer Staaten im Sinn haben und das Weltgefüge einseitig politisch, wirtschaftlich und ideologisch verändern wollen. Also Gefahrenabwehr aus einem geweiteten Selbstverständnis der Kirche heraus. Das ist das eine.
Bedeutsamer ist für mich aber die konstruktive Konsequenz: Paul Zulehner hat neulich darauf hingewiesen.(2) Wir stehen als Kirche mitten in einem Epochenwandel, wie es ihn vergleichbar womöglich seit der konstantinischen Wende nicht mehr gegeben hat. Nicht nur die säkulare Welt in ihrer Pluriformität vollzieht mehr und mehr einen Wandel von Monokulturen in kulturelle Vielfalt hinein. Das betrifft auch die katholische Kirche – was anders ja auch ihrem Wesen entspricht als weltweite Einheit in kultureller Vielfalt. Immer noch sind wir aber vom „Nicht mehr“ einer vergangenen Kirchengestalt gefangen, wir trauern den Abbrüchen nach, und nicht wenige ersehnen die Restauration. „Wenn das auferlegte Christentum einem Wahl-Christentum weicht, muss man aber aufhören, die Gegenwart und die Entwicklung mit Benchmarks der Vergangenheit zu messen. Wir beziehen uns ja immer noch auf 100 Prozent als Vergleichsgröße, wenn wir sagen, soundso viel Prozent sind heute ‚noch Christen‘. Kein Historiker würde so vorgehen.“(3) Im Grunde muss man doch von unten hinaufrechnen: Jede Christin, jeder Christ – so vielfältig sie sich auch darstellen – ist ein Wunder der Gnade Gottes. Statt ständig zu fragen, was alles „nicht mehr“ geht und funktioniert, könnten wir beherzt nach dem suchen, was wir in unserem Einsatz für die Menschen und als Beitrag für unsere Gesellschaft „noch nicht“ beherzt genug aus den Quellen unseres Glaubens beitragen.
Und da wir es nicht allein schaffen können und müssen – wie es in den vergangenen Zeiten christentümlicher Milieus erdacht wurde, suchen wir doch nach guten Nachbarn, nach Menschen guten Willens, die uns einladen, mit ihnen zusammenzuwirken. Viel zu oft lassen wir uns noch von den Unglückspropheten und ihrer Sicht auf die Welt anstecken und in starre Abwehrhaltung versetzen. Ich möchte auf die Suche nach Kooperationen der Hoffnung gehen, mit denen wir die Saat des Reiches Gottes gemeinsam ausbringen – vor allem in den großen Herausforderungen Krieg, Migration, Klimanotstand und Künstliche Intelligenz, die Papst Leo XIV. für unsere Zeit identifiziert hat. Womöglich wohnen solche Nachbarn näher als wir denken. Gott nimmt auch andere in den Dienst. „Unser gemeinsamer Weg“, so hat es Papst Leo vor Vertretern der Ökumene und der Weltreligionen gesagt, „kann und muss auch in einem weiten Sinne verstanden werden, der alle einbezieht, im Sinne der Geschwisterlichkeit aller Menschen. Heute ist Zeit für den Dialog und den Bau von Brücken.“(4) Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung vertrauen unterwegs auf diese Haltung.
Fußnoten:
(1) „Der persische König Kyros befreite die Juden, und heute kann der jüdische Staat die Perser befreien. Ich sage das nicht in dem Sinne, dass wir es für sie tun. Letztendlich müssen sie sich selbst erheben, aber wir schaffen die Bedingungen und deshalb kann es bedeutsam sein“: Interview mit dem rechten und konservativen Fernsehsender Channel 14 am 17. Juni 2025.
(2) Paul Zulehner, Hoffnung für eine taumelnde Welt, in: CiG (2025), Heft 30, 6–7.
(3) Ebd., 6.
(4) Papst Leo XIV., Ansprache an die Vertreter der Ökumene und der Weltreligionen vom 19. Mai 2025.
