| Pressemeldung | Nr. 159
Jahrestagung der Görres-Gesellschaft in Mannheim
Die Jahrestagung der Görres-Gesellschaft ist heute (28. September 2025) zu Ende gegangen. Sie fand seit Freitag auf Einladung der Universität Mannheim unter dem Thema „Kanon und Diskurs“ statt. Dabei ging es vor allem um die aktuelle gesellschaftliche Debatte angesichts der Verengung von Diskursräumen und die Frage, ob es überhaupt (noch) möglich ist, sich auf wissenschaftliche Standards wie die Bildung eines „Kanons“ zu verständigen. An der Tagung nahmen rund 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 20 verschiedenen Disziplinen unter einem Angebot von 80 Vorträgen teil.
Beim heutigen Festakt in der Aula der Universität sprach der Soziologe Prof. Dr. Heinz Bude zum Thema „Kanon und Diskurs in der multipolaren Welt“. Er warf die Frage auf, welche Rolle Europa angesichts des Hegemoniekonflikts zwischen den USA und China spielen könnte. Seine Antwort lautete: „Im Herkommen Europas wird dem Rätsel des Individuums ein Sinn gegeben. Darauf gründet der Kanon dieses imaginären Kontinents und das hält seine Diskurse in Bewegung.“
Dem Festakt vorausgegangen war ein Gottesdienst in der Mannheimer Jesuitenkirche, den Weihbischof DDr. Christian Würtz (Freiburg) feierte. Er betonte, dass das Thema der Görres-Jahrestagung auch die Theologie herausfordere: „Was gehört zum Kanon, was ist Maßstab, Richtschnur, unveränderliches Dogma? Und wie gelingt es uns darüber innerhalb der Theologie zu einem fruchtbaren Dialog zu kommen, der uns das, was im Kanon festgelegt ist, besser verstehen lässt, der uns tiefer in ihn hineinführt. Und wie gelingt es uns, auch in die Gesellschaft, außerhalb des kirchlichen Binnenraums in einen Diskurs zu kommen über die Fragen der Religion und unseres Glaubens?“, so Weihbischof Würtz. Er fügte hinzu: „Weder der Diskurs noch der Kanon können den ganzen Raum der Wirklichkeit füllen. Es braucht beides, die Tiefe und die Weite, die sich gegenseitig ergänzen und befruchten, um so zur Fülle, zur Gänze zu kommen. Was uns Bischöfe bei allem Ringen um den richtigen Weg für die Kirche in Deutschland, was uns bei allen Meinungsverschiedenheiten, bei allem Diskurs eint, ist der Glaube an einen personalen Gott, der mit uns Menschen in Beziehung getreten ist. Unüberbietbar ist das geschehen in der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus, der uns am Kreuz erlöst hat. Das ist der Kanon, der ja auch vor genau 1700 Jahren im Glaubensbekenntnis von Nizäa formuliert und dogmatisiert worden ist.“
Der Präsident der Görres-Gesellschaft, Professor Dr. Bernd Engler, erläuterte: „Mit dem Thema ‚Kanon und Diskurs“ adressiert die Görres-Gesellschaft eine Perspektive, die zunächst im binnenwissenschaftlichen Diskurs von großer Relevanz ist, letztlich aber wissenschaftsgeschichtlich eine bedeutende Rolle spielt, da Wissenschaft immer auch von der wechselnden Kanonisierung bestimmter Theorien und als jeweils gültiger ‚Standard‘ definierter Werke oder Personen bestimmt ist. Gibt es aber angesichts einer zunehmenden Unübersichtlichkeit wissenschaftlicher Disziplinen überhaupt noch Standardwerke oder bedeutende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, auf die sich die Disziplinen als maßgeblich für ihr Fach einigen können?“ Eine wesentliche Frage sei, was es für die Wissenschaft bedeute, wenn eine Kanonbildung ausbleibe oder unmöglich gemacht werde. Professor Engler: „Gefährdet dies nicht letztlich die Diskursfähigkeit von Wissenschaft, wenn sie ihre eigenen Grundlagen gar grundsätzlich in Frage stellt? Im Hinblick auf die gesellschaftliche Relevanz von Wissenschaft stellt sich damit aber auch eine viel weitergehende Frage: Was bedeutet es für gesellschaftliche Debatten, wenn ihre Diskursräume immer weiter verengt werden? Geht damit nicht wissenschaftliche – und in Konsequenz gesellschaftliche – Orientierung verloren?“
Einige Beispiele aus dem Tagungsprogramm illustrieren dies: Die philosophische Sektion befasste sich mit der Frage, „wie die Philosophie exklusiv „europäisch“ wurde“. In der Pädagogik wurde unter dem Titel „Rauschen im Blätterwald?“ nach den Bildungskanon-Debatten in Geschichte und Gegenwart gefragt. Die Geschichtswissenschaften warfen einen kritischen Blick auf die Agenda der „kanonischen Themen des Postkolonialismus“. Spannend war die Sektionsveranstaltung der Altertumswissenschaften, wo z.B. über „Büchervernichtung, Kanon und Diskurs als spätantike Formen der Zensur“ diskutiert wurde, während die Neuphilologien ihre Sitzung unter das Thema „Kanon MACHT Diskurs“ stellen. Die Religionswissenschaften schließlich untersuchten u.a. „Kanonbildung“ in den Weltreligionen, und in der Kunstgeschichte wurde die Kanonisierung an Beispielen aus dem Mannheimer Schloss untersucht. Darüber hinaus beschäftigte sich die rechts- und staatswissenschaftliche Sektion mit der „Verfassungsordnung im Verteidigungsfall", die Politikwissenschaft zusammen mit den Wirtschaftswissenschaften mit den Herausforderungen für die Demokratie.
Auch bei dieser Jahrestagung galt das besondere Augenmerk den zahlreichen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, die in Mannheim teilnahmen. Das eigens für diese Gruppe ins Leben gerufene „Junge Forum der Görres-Gesellschaft“ bot die Möglichkeit, sich zu vernetzen und eigene Akzente zu setzen.
Hinweise:
Die Predigt von Weihbischof DDr. Christian Würtz ist untenstehend als PDF-Datei verfügbar. Die Zitate dieser Pressemitteilung sind seiner Einführung entnommen. Weitere Informationen zur Görres-Gesellschaft finden Sie unter www.goerres-gesellschaft.de.
