| Pressemeldung | Nr. 180

Kardinal Marx erinnert an Reichspogromnacht vor 80 Jahren

„Ein Christ ist verpflichtet, solidarisch mit Juden zu sein“

„Die Reichspogromnacht markiert den Übergang von der rechtlichen Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung der Juden zur offenen Verfolgung; ein Weg, der schließlich zur Shoah geführt hat. Dass damals so viele – die meisten von ihnen waren Christen – weggeschaut oder tatenlos zugeschaut haben, erfüllt uns bis heute mit Scham.“ Mit diesen Worten hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, heute (8. November 2018) bei einer Gedenkveranstaltung der Stadt Würzburg und der jüdischen Gemeinde zum 9. November am Platz der ehemaligen Synagoge auf der Domerschulstraße in Würzburg an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren erinnert. Zusammen mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, dem Regierungspräsidenten Dr. Paul Beinhofer und Oberbürgermeister Christian Schuchardt würdigte er das jüdische Leben in Deutschland.

Der 9. November sei einer der denkwürdigsten Tage der deutschen Geschichte, so Kardinal Marx: Die Reichspogromnacht 1938, der 9. November 1918, an dem in Berlin die Republik ausgerufen und am Tag zuvor in München der Freistaat Bayern gegründet wurde, der 8./9. November 1923 als Tage des Hitlerputsches und der 9. November 1989, als in Berlin die Mauer geöffnet wurde.

Wenn man die Reichspogromnacht im Zusammenhang mit den anderen Ereignissen sehe, werde deutlich, dass auch heute ein Gedenken sinnvoll und notwendig sei. „Die Ereignisse des 9. November zeigen, dass Rechtsstaat und Demokratie keine Errungenschaften sind, die einmal erworben werden und dann selbstverständlich sind. Die rechtsstaatliche Demokratie war und ist eine gefährdete Staatsform“, so Kardinal Marx. Der demokratische Rechtsstaat setze voraus, dass sich die Bürger im Alltag mit Respekt, Fairness und Wohlwollen begegnen, dass sie füreinander Verantwortung übernehmen und sich auch im Streit um Wahrheit und Wahrhaftigkeit bemühen. „Wo diese Werte missachtet werden, gerät das friedliche Zusammenleben in Gefahr. Es sind nicht erst Taten oder offenkundige Rechtsverstöße, die den Grundkonsens angreifen und beschädigen. Die letzten Jahre der Weimarer Republik zeigen uns deutlich: Die Verrohung der Sprache führt zur Verrohung der Sitten“, betonte Kardinal Marx.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz würdigte ausdrücklich das jüdische Leben als Seismograph der deutschen Gesellschaft: „Gottlob drohen heute keine staatlich organisierten Pogrome. Heute stehen Polizeiwagen vor Synagogen, jüdischen Gemeindezentren, Kindertagesstätten und Schulen. Das ist beruhigend, aber normal ist es nicht.“ Eindringlich forderte Kardinal Marx dazu auf, aus den Ereignissen von vor 80 Jahren zu lernen: „Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Juden in welcher Form auch immer angegriffen werden. Wir sind verpflichtet, antijüdischen Vorurteilen zu widersprechen und antijüdischen Angriffen zu widerstehen. Das ist nicht nur eine Bürgerpflicht, es ist auch eine Christenpflicht.“ Wenn Papst Franziskus sage, dass ein Christ nicht Antisemit sein könne, füge er, Kardinal Marx, hinzu: „Ein Christ ist verpflichtet, solidarisch mit Juden zu sein.“

Bei einem anschließenden Podium im Jüdischen Gemeindezentrum „Shalom Europa“ diskutierten Kardinal Marx, Dr. Josef Schuster und Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, über das Thema „Keine deutsche Identität ohne Auschwitz? Erinnerungskultur 80 Jahre nach der Reichspogromnacht“.


Hinweis:

Das Grußwort von Kardinal Marx ist untenstehend als pdf-Datei verfügbar.