| Pressemeldung | Nr. 181

Kardinal Marx predigt am Reformationstag der evangelischen Kirche

„Nach 2017 sind wir enger zusammengerückt“

Anlässlich des Reformationstages der evangelischen Kirche hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, gestern (31. Oktober 2019) bei einem Abendgottesdienst im Berliner Dom vor einem Verschwinden der Religion in der Öffentlichkeit gewarnt. „Einige waren in früheren Jahren der Auffassung: Je stärker die Modernisierung der Gesellschaft voranschreitet, desto weniger ist die Religion präsent. Das sei so, als wenn die Religion wie der Schnee in der Sonne durch die Aufklärung verschwinde. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade heute wird die Religion neu sichtbar“, sagte Kardinal Marx in seiner Predigt, die er auf Einladung der evangelischen Domgemeinde hielt.

„Was wir vor einigen Jahrzehnten nicht erwartet hätten, zeigt sich heute in der Säkularisierung, in einem neuen Fundamentalismus, in einer politischen Instrumentalisierung der Religionen, die wir weltweit feststellen, auch in den Gefilden des Christentums. Das muss uns aufrütteln, um den wahren Sinn von Religion zu erklären“, betonte Kardinal Marx. Ins Zentrum rücke die Frage, wie das christliche Bekenntnis in dieser Gesellschaft präsent sein und die Frage nach Gott gestellt werden könne. „Es geht nicht um die Frage nach der Kirche, sondern primär um die Frage nach Gott. Papst Benedikt XVI. hat oft daran erinnert, dass die Rede von Gott stets etwas Neues ist. In diesen Zeiten sind wir herausgefordert, neu von Gott zu sprechen.“

Kardinal Marx erinnerte an die grundlegende Erfahrung des Monotheismus: „Gott ist kein Teil der Welt, er ist der Schöpfer der Welt. Gott ist ganz anders. Das muss neu in unser Bewusstsein rücken. Die Forderung des Alten Testamentes, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen, ist auch heute aktuell angesichts eines neuen Fundamentalismus, der versucht, Religion zu politischen Zwecken zu missbrauchen. Wie oft ist die Versuchung da, sich Gott so zurechtzulegen wie wir es wollen, ganz nach unseren Interessen und unseren Ideologien“, fragte Kardinal Marx.

Der Reformationstag lade dazu ein, sich zu erinnern, was Martin Luther bewegt habe. „Der Gedanke Luthers war, dass Gott uns – auch heute – sagt: Ich gehe für Dich, Mensch, ins Nichts, für Dich gehe ich in den Tod. Dann kann der Mensch erhoben werden, aus reiner Gnade, dann wird die Hoffnung des Menschen begründet, die nicht im menschlichem Bemühen steckt, sondern allein im Handeln Gottes in dieser Welt“, so Kardinal Marx. „Gerade die Lehre von der Rechtfertigung, vom barmherzigen Gott, müssen wir neu aufleuchten lassen, damit wir uns wehren gegen eine Religion, die Instrument wird für andere Interessen, wenn von einem Gott gesprochen wird, der belanglos ist oder politisch vereinnahmt wird.“

Die Christen, so Kardinal Marx, müssten ihr Zeugnis des Glaubens ökumenisch einbringen, gemeinsam von Gott sprechen, „neugierig bleiben, ehrfürchtig und staunend Gott erkennen, aber nicht so von Gott reden, als hätten wir ihn als Besitz für uns allein“. Das komme in der ökumenischen Bewegung manchmal zu kurz, wenn man meine, Texte seien das einzige. „Ja, die Lehre ist wichtig, aber dazu gehören auch die Praxis des Glaubens und der Gottesdienst. Gleichgewichtig gehören diese drei Elemente zusammen“, betonte Kardinal Marx. „Nach 2017 sind wir enger zusammen gerückt. Das Bekenntnis zum dreifaltigen Gott ist unsere gemeinsame Aufgabe und der Weg als Christen. Darum ist die Gottesfrage zentral für uns und damit verbunden die Frage, ob wir miteinander das größte aller menschlichen Worte – Gott – lernen, neu durchzubuchstabieren.“