| Pressemeldung | Nr. 171

Kardinal Marx spricht auf dem St. Michael-Jahresempfang in Berlin

„Wir brauchen eine Welt, die Individualismen überwindet“

Vor einer Aufspaltung der Welt in Einzelinteressen und dem Zerfall ganzheitlicher Systeme in der Ökologie und Ökonomie hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, gewarnt. „Wir gehören als globale Welt zusammen und werden nicht zuletzt durch die derzeit im Vatikan tagende Amazonassynode daran erinnert, neu zu lernen, was vernetztes Denken für die ganze Menschheitsfamilie bedeutet. Wir brauchen deshalb, so wie es auch Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si’ fordert, eine neue Idee des Fortschritts, deren Maßstab sich an den Lebensbedingungen aller Menschen orientiert, besonders der Armen“, so Kardinal Marx gestern Abend (16. Oktober 2019) beim St. Michael-Jahresempfang des Katholischen Büros in Berlin. Die Amazonassynode in Rom verdeutliche die zentrale Frage, wie es weitergehe mit der Welt. „Deshalb müssen wir den jungen Menschen dankbar sein, die auf die Straße gehen und uns in aller Klarheit diese Fragen derzeit stellen“, so Kardinal Marx. Die neue, von Papst Franziskus in Laudato si’ angemahnte Fortschrittsidee dürfe niemanden unberührt lassen. „Das gemeinsame Haus der Welt ist uns allen anvertraut. Deshalb ist es gut, wenn in Rom derzeit gefragt wird, wie eine verantwortungsvolle Klimapolitik aussehen kann.“

Kardinal Marx erinnerte in seiner Ansprache vor mehr als 800 Vertretern aus Kirche, Politik und Gesellschaft an die Verantwortung eines jeden einzelnen, die Folgen von Handlungen anzuschauen. „Wir erleben derzeit eine Gefahr des Wiedererstarkens von Nationalismen, von Rückwärtsbewegungen, von Einzelinteressen und Populismen aller Art. Wir haben eine Verantwortung für die Würde eines jeden Menschen. Wir brauchen eine Welt, die Individualismen überwindet, die ein Freund-Feind-Denken, ein Lagerdenken hinter sich lässt“, so Kardinal Marx. Persönlich sei er zutiefst erschüttert gewesen, dass in Halle ein solcher „krass vulgärer antisemitischer Angriff möglich gewesen ist. Das darf nie wieder passieren! Wir stehen unverbrüchlich an der Seite unserer jüdischen Schwestern und Brüder! Wir werden auch weiterhin mit ihnen solidarisch sein. Deutlich unterstreiche ich: Nie wieder werden wir uns trennen. Christen und Juden werden immer zusammen durch die Geschichte gehen bis der Herr wiederkommt“.

Vieles – auch im Populismus – beginne mit der Sprache. „Passen wir gemeinsam bei der Sprache auf! Wir dürfen die Sitten nicht verwildern lassen, nicht im Parlament, nicht auf der Straße, nicht im Freundeskreis. Wir lassen nicht zu, dass wir eine Sprache verwenden, die andere ausgrenzt, verunglimpft oder die rassistisch ist. Das werden wir nicht hinnehmen!“ In diesem Moment der Geschichte gehe es auch um die Zukunft der Demokratie, so Kardinal Marx. „Freiheit und Demokratie sind nicht fertig, sind keine Selbstläufer, sondern Aufgabe und Anspruch – jeden Tag neu. Hier sage ich deutlich: Die Kirche steht auf der Seite der Freiheit. Wo Populisten – auch im religiösen Kontext – bereit sind, ihre Ziele durch eine Minderung der Demokratie und der Freiheit in Kauf zu nehmen, werden wir dagegen aufstehen!“

Ausdrücklich warnte Kardinal Marx vor einer weiteren militärischen Eskalation im Nahen Osten. Der Einmarsch der Türkei in Syrien sei ein klarer Fall von Völkerrechtsbruch. „Wieder sind es die Menschen, die die Opfer sind aufgrund eines politischen Kalküls. Die NATO ist eine Wertegemeinschaft, das sollte gerade jetzt im Blick behalten werden in einer Situation in Syrien, die erschreckend ist.“ Wo die Kirche könne, wolle sie einen Beitrag zur Einheit der Menschheitsfamilie leisten. „Die Kirche ist Instrument der Einheit, sie ist nicht politische Partei, sie will zum Nachdenken anregen, um Ziele für die Menschheitsfamilie zu finden und Orientierung zu geben. Das verstehen wir auch weiterhin als unseren Auftrag von Morgen“, so Kardinal Marx.


Hinweise:

Die Begrüßungsansprache von Prälat Dr. Karl Jüsten ist unten als pdf-Datei verfügbar.