| Pressemeldung | Nr. 060

Predigt von Bischof Bätzing am Ostersonntag

Was ist Ostern wert? Darüber einmal nachzudenken, kam mir in den Sinn anlässlich zweier Meldungen aus den vergangenen Monaten. Letztes Jahr stand beim Auktionshaus Christie᾿s in London eines der ältesten erhaltenen Bücher der Welt zur Versteigerung an: ein Papyrus aus der Mitte des dritten Jahrhunderts mit einer Sammlung von Schriften, die alle auf Ostern und die Erlösung Bezug nehmen. Offensichtlich fanden die Texte bei den Ostergottesdiensten koptischer Christen in früher Zeit Verwendung. Kurz nach dem Fund wurde der Codex 1954 von einem ägyptischen Antiquitätenhändler zusammen mit anderen Handschriften für 500 Dollar nach Amerika verkauft, ein Schnäppchen. Verkauft wurde er nun für umgerechnet 3,7 Millionen Euro. Das ist schon eine stolze Summe.

Mitte Dezember 2024 wurde die Frankfurter Silberinschrift der Öffentlichkeit präsentiert, ein Sensationsfund bei archäologischen Grabungen vor einigen Jahren. Im Grab eines Mannes aus der Mitte des dritten Jahrhunderts fand man ein Silberamulett mit einer darin geborgenen Inschrift auf Silberfolie – mithin der älteste erhaltene schriftliche Hinweis auf einen Menschen christlichen Glaubens in unseren Breiten. Denn die Inschrift spricht von Jesus Christus, dem Herrn der Welt. Da kann man lesen: „Dieses Rettungsmittel schütze den Menschen, der sich hingibt dem Willen des Herrn Jesus Christus, Gottes Sohn, da sich ja vor Jesus Christus alle Knie beugen: Die Himmlischen, die Irdischen und die Unterirdischen, und jede Zunge bekenne sich zu Jesus Christus“ (ins Deutsche übersetzt von Markus Scholz).

Beide Entdeckungen sind von unschätzbarem Wert. Manch ein Museum oder privater Kunstliebhaber gäbe viel darum, solche Preziosen sein Eigen nennen zu können, denn sie bezeugen den Osterglauben und belegen seine Verbreitung in frühester Zeit. Dieser Glaube hat eine Kulturrevolution ausgelöst; darum war er den Herrschern des Römischen Reiches lange Zeit auch ein Dorn im Auge. Er nahm für sich in Anspruch, der Nukleus einer neuen Welt nach Gottes Vorstellung und Willen zu sein, denn die Anhänger und Verehrerinnen Jesu Christi – nennen wir sie einmal die „Ostermenschen“ – hatten für ihr persönliches Leben und ihre soziale Verantwortung eine Perspektive weit über den natürlichen Tod hinaus: Sie würden nicht untergehen in Verfolgung, Krankheit, Not und Tod; sie würden leben, davon waren sie überzeugt. Und das änderte auch die Sicht auf die Zustände der mehr oder weniger kurzen Lebensspanne, in der wir diese Erde bewohnen. „Ostermenschen“ sahen sich in ihren Gemeinden verantwortlich füreinander. Die Unterschiede auszugleichen war ihnen wichtig, alle sollten in Würde leben können, denn allen war der Sohn Gottes und Herr der Welt ja zum Bruder geworden und hilfreich zur Seite getreten. Niemandes Schicksal war mehr gleichgültig. Die Kranken wurden gepflegt und besucht, unabhängig von ihrem sozialen Status, Fremde und Heimatlose wurden freundlich aufgenommen. Die Trauernden empfanden Trost in der Hoffnung, ihre Liebsten einmal wiederzusehen. Und wenn der Herr kommt, dann würde er die Lebenden und die Toten richten; er würde Gerechtigkeit schaffen und denen zu ihrem Recht verhelfen, denen hier und jetzt Unrecht geschehen war. Den Armen galt eine gut organisierte Fürsorge, hatte doch Jesus gesagt: Was ihr einem von ihnen getan habt, „das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Besonders auffallend erschien den Zeitgenossen, mit welcher Sorgfalt sie die Toten bestatteten und sie im Gebet begleiteten, denn ihre Gräber waren ja nur ein „Zwischenstopp“ unterwegs zur Auferstehung mit Christus. In rasantem Tempo breitete sich diese neue Kultur im Römischen Reich aus. „Ostermenschen“ gab es bald überall. Und für ihre Nachbarn waren sie eine lebendige Provokation: Lebst du noch oder glaubst du schon?

Was ist Ostern wert? Vieles von dem, was die Christinnen und Christen der ersten Jahrhunderte in die damalige Gesellschaft einspielten, empfinden wir heute als selbstverständlich, vergessen dabei aber allzu leicht, wo diese Prägung einer gleichen Würde jedes Menschen, der sozialen Verantwortung, Fürsorge und Achtsamkeit für die besonders Verletzlichen ihren Ursprung hat. Letztlich verdankt sie sich diesem einen Tag, Ostern, der alles verändert hat und verändern kann – auch wenn zugegebenermaßen immer wieder und immer noch äußere wie innere Widerstände überwunden werden müssen, bis einfache Christen und Christinnen auch zu entschiedenen „Ostermenschen“ geworden sind. Wenn wir heute mit einiger Sorge auf die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas schauen und zunehmende Egoismen bis hin zum Bereich der internationalen Verantwortung beklagen; wenn der Rückzug aufs Eigene und die Aufkündigung solidarischen Zusammenstehens gerade in den großen Zukunftsfragen der Menschheit einen Epochenwechsel markieren, dann sind das nach meiner Überzeugung auch Folgen eines dramatischen Abbruchs des christlichen Glaubens und seiner Prägekraft von Generation zu Generation. Das zentrale christliche Versprechen, dass nämlich der Tod nicht das Ende ist, wird von immer weniger Menschen geteilt. Und das hat Konsequenzen.

Was ist Ostern wert? Keine Sorge, ich will jetzt nicht klagen und all die Krisenfaktoren aufrufen, die wir als Kirche kennen und benennen können. Fragen will ich – ehrlich und ernsthaft, mich und Sie: Was ist Dir Ostern wert? Mit Fragen hat ja schließlich auch alles angefangen: Maria Magdalena war so frei, ihre Verwirrung und untröstliche Trauer in Fragen zu kleiden – und wurde zum ersten überzeugten „Ostermenschen“ überhaupt. Thomas hat sich getraut und ernste Zweifel geäußert – erst dann konnte er sein Bekenntnis sprechen, in das wir alle noch hineinwachsen können: „Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28). Die Emmausjünger zeigten ihr Unverständnis über die Geschehnisse um ihren Meister – erst nach mühsamem Suchen wurden sie mit einem brennenden Herzen beschenkt. Petrus traut sich nicht einmal zu fragen (vgl. Joh 21,12), kommt aber im Glauben auch nicht wirklich weiter; erst als der auferstandene Jesus ihn geradezu peinlich befragt: „Liebst du mich?“ (Joh 21,17), da beginnt das Feuer in ihm wieder zu lodern. Fragen, das ist nicht nur die „Frömmigkeit des Denkens“, wie es ein Philosoph einmal formuliert hat. Fragen vertiefen unsere Beziehungen, schenken Weisheit und führen den Glauben in eine Tiefe, die wirklich prägen und verändern kann.

Einen weiteren Zugang habe ich in einem kleinen Liebesgedicht der Lyrikerin Ulla Hahn (*1945) entdeckt:

Auswendig lernen möchte ich dich
Wie ein Gedicht.
Immer wieder lesen
Silbe für Silbe Wort für Wort und
Zwischen den Zeilen
Strophenlang jahrelang lebenslang
Dich buchstabieren
Mit der Zunge und dem Gaumen des Herzens.

Als ich das Gedicht fand, dachte ich mir: Ja, so möge es mir mit Ostern gehen. So leidenschaftlich möchte ich glauben und mich in die Sonne der Auferstehung stellen, bis ich Jesus in- und auswendig kenne – und er mich. Mit dem Herzen den Glauben ausbuchstabieren. Was ist Ostern wert?


Lesungen: Apg 10,34a.37–43; Kol 3,1–4
Evangelium: Joh 20,1–18


Hinweis:

Die Predigt von Bischof Dr. Georg Bätzing in der Eucharistiefeier am Ostersonntag ist untenstehend auch als PDF-Datei verfügbar.