| Aktuelle Meldung | Nr. 022
Predigt von Bischof Dr. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, in der Eucharistiefeier zum Jahresabschluss
Liebe Geschwister im Glauben!
„Viele von uns schauen keine Nachrichten mehr, nicht weil wir politisch desinteressiert sind, sondern weil es uns einfach zu traurig macht“, schreibt die Poetry-Künstlerin Clara Lösel, die mit ihren Gedichten Millionen von Menschen erreicht. Ihre Haltung bestätigte sich für mich neulich bei einem Familientreffen. Da erzählten ein Neffe und seine Frau, sie hätten sich in der Zeit der Corona-Pandemie angewöhnt, zur festen Zeit die Nachrichten im Fernsehen zu schauen. Seit einiger Zeit hätten sie es aufgegeben. Krieg, Vertreibung, schlechte wirtschaftliche Prognosen, gesellschaftliche Polarisierung und zunehmende Radikalisierung – die Fülle an negativen Schlagzeilen wollen sie sich am Ende eines anstrengenden Arbeitstages einfach nicht mehr zumuten. Im Gespräch zeigte sich: Das ist keineswegs Realitätsverweigerung, die beiden stehen als Geschäftsleute mitten im Leben. Mir stellt sich eher die Frage: Fehlt es eigentlich an guten Nachrichten oder erzählen wir zu wenig davon? Letzteres will ich tun und wähle bewusst drei Beispiele aus, die Gesellschaft und Kirche in ihrer gemeinsamen Verantwortung verbinden.
Im Herbst hatte ich Gelegenheit, ein Projekt der Flüchtlingshilfe zu besuchen, das vom Caritasverband und dem diözesanen Fonds „Partnerschaft mit Flüchtlingen“ unterstützt wird. Durch ihren Kontakt mit geflüchteten Menschen erkannten Mitarbeitende einen besonderen Bedarf im Rahmen der Ausbildung. Ohne Unterstützung fühlen sich viele durch die Anforderungen eines dualen Ausbildungssystems, insbesondere im schulischen Teil, überfordert. Manche gaben nach kurzer Zeit die Ausbildung wieder auf. Hier setzen die engagierten Ehrenamtlichen mit ihrem Azubi-Projekt an. Sie unterstützen die Geflüchteten sowohl in den berufsspezifischen Anforderungen wie auch bei Grundlagen der Wirtschaftslehre und der Prüfungsvorbereitung. Von den 30 Auszubildenden, die in dieser kleinen Stadt mittlerweile einen erfolgreichen Abschluss in der Tasche haben, saßen mir voller Stolz eine Diätassistentin, ein Busfahrer, ein Kfz-Mechatroniker und eine Notarfachangestellte gegenüber. Alle haben mittlerweile eine feste Anstellung. So kann Integration in unserem Land gelingen. Die Zahl der ehrenamtlich Engagierten im Bereich der kirchlichen Flüchtlingshilfe hat sich auf etwa 35.000 eingependelt. Ihr Einsatz öffnet Zukunftsperspektiven.
Ein anderes Beispiel: Der Medienkonsum in einer zunehmend digitalen Welt stellt uns vor Herausforderungen. Hin und wieder ertappe ich mich dabei, viel zu viel Zeit am Smartphone zu verbringen, auch wenn ich es gar nicht wollte. Unkontrollierte Mediennutzung stellt für die Entwicklung unserer Kinder und Jugendlichen, deren Sozialverhalten und die psychische Gesundheit eine Gefahr dar. An Schulen wird daher über ein Handyverbot diskutiert. Und in den Familien ist viel Achtsamkeit notwendig. „Papa, mir ist langweilig, darf ich dein Handy haben?“, fragte der Zehnjährige bei einer längeren Autofahrt. Es war aber vorher anders vereinbart, also hieß der Impuls: „Beschäftige dich doch mal selber.“ „Ok, dann schreibe ich eine Geschichte.“ Als der Junge mir letztens seine Fantasyerzählung „Laura und der Sternenhund Bello“ vorlas, war ich wirklich perplex. So ein toller Erzählstil, unglaublich, was in Kindern alles steckt. Langeweile ist nicht selten die Mutter der Kreativität, das weiß ich auch aus eigener Erfahrung.
Noch ein letztes Beispiel, das mir Hoffnung macht: In Frankreich sind die Zahlen Erwachsener, die in den vergangenen Jahren nach der Taufe fragen, sprunghaft gestiegen. Offensichtlich suchen Menschen im katholischen Glauben Orientierung. Die Verantwortlichen zeigen sich nach wie vor überrascht über diese Entwicklung. „Diese jungen Menschen sind auf Wegen zu uns gekommen, die wir Bischöfe nicht vorgezeichnet hatten“, meint der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Kardinal Jean-Marc Aveline, „unsere Türen stehen weit offen, aber die Menschen kommen durchs Fenster.“ Angesichts der Krise der Kirchenbindung und der enormen Zahlen an Kirchenaustritten hierzulande hat Paul Zulehner zuletzt angemerkt: „Und wer sagt uns denn, dass es keine De-Säkularisierung geben kann, keine partielle Entsäkularisierung?“ Eine Umfrage im Auftrag der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland hat jüngst ergeben, dass etwas mehr als die Hälfte der jungen Katholiken in Deutschland sich auch erneut für die katholische Kirche entscheiden würde. Mir macht dieses Signal Mut. Und ein Pfarrer bestätigt es mir: Es sind keine Massen, aber es vergeht keine Woche, dass nicht jemand um ein Gespräch zur Wiederaufnahme in die Kirche bittet oder sich ganz neu für den katholischen Glauben interessiert. Vielleicht ist es Zeit für einen Perspektivwechsel: Jeder Christ, jede Glaubende ist ein Wunder der Gnade Gottes. Wir müssen uns angewöhnen, nicht von der Zugehörigkeit der Mehrheit auszugehen, sondern von unten hinaufzählen, so wie es auch am Anfang des Christentums war.
In seinem lesenswerten Büchlein Der Geist der Hoffnung. Wider die Gesellschaft der Angst (2024) beschreibt der Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han den notwendigen Dreh im Denken folgendermaßen: „Das Denken der Hoffnung orientiert sich nicht am Tod, sondern an der Geburt. (…) In-die-Welt-kommen als Geburt ist die Grundformel der Hoffnung“. Gerade haben wir das Geburtsfest Jesu gefeiert. Ein neues Jahr beginnt: ein Ansporn, gute Nachrichten aufzuspüren von dem, was neu beginnt, und sie weiterzuerzählen.
Lesung: Jes 62, 11–12
Evangelium: Joh 1, 1–14
