| Pressemeldung | Nr. 153

Predigt von Erzbischof Dr. Ludwig Schick in der Eucharistiefeier zur Herbst-Vollversammlung in Fulda

Les.: 1 Kor 1,26–31
Ev.: Mt 9,35–38



Liebe Schwestern und Brüder, liebe Fuldaer!

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonischen Dienst, verehrte Ordenschristen, besonders liebe Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul!

1.    Die Kirche wählt für die Gedenktage der Heiligen Schrifttexte als Lesung und Evangelium aus, die etwas mit deren Leben und Sterben zu tun haben. Der heilige Vinzenz von Paul hatte zwei Schwerpunkte für sein Leben gewählt. Für die armen und ungebildeten Kinder war er ein herzensguter und engagierter Seelsorger. Sie sollten bessere Lebenschancen durch Erziehung und Unterrichtung, vor allem auch in der christlichen Religion, erhalten.

Ebenso galt der einfachen Landbevölkerung und den Menschen in den Vorstädten von Paris, die nicht nur materiell arm, sondern auch geistig und geistlich arm waren, seine besondere Fürsorge. Er wusste, dass zur Entwicklung des Menschen auch das Werte- und Tugendwissen der Religion dazugehören. Für diese Aufgaben gründete er seine beiden Orden, die Vinzentiner Vinzenz von Paul und die Barmherzigen Schwestern. Er war davon überzeugt, dass in Jesus Christus Gott uns alle Weisheit und Erkenntnis, alle Werte und Tugenden geschenkt hat. Die Freundschaft mit IHM sollte das Ziel aller Erziehung und Bildung sein.

Deshalb hören wir am Gedenktag des hl. Vinzenz von Paul die letzten Verse aus dem 1. Kapitel des 1. Korintherbriefes: „Das Niedrige und Schwache hat Gott erwählt“. Besonders für sie ist Jesus Christus Weisheit und Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung!

2.    Wir stellen auch heute zu Recht fest, dass das religiöse Wissen über das Christentum, trotz unseres guten Religionsunterrichts in den Schulen und Pfarreien zurückgeht. Aus mangelndem Wissen entsteht mangelnde Praxis: Im Gebetsleben, bei den Gottesdiensten und auch im alltäglichen Umgang miteinander. Wo kein Wissen über die Werte und Tugenden des Evangeliums da ist, gehen sie in Familie, in Politik, Wirtschaft und auch im Sozialwesen zurück; andere Maßstäbe und Vorstellungen dringen ein. Wo der Geist der Nächstenliebe auszieht, machen sich soziale Kälte und eine Ellbogengesellschaft breit. Wo die universale Menschenwürde und die für alle geltenden Menschenrechte, wie sie die christliche Überzeugung vertritt, unbekannt werden, können sich leichter Rassismus, Nationalismus und Populismus breitmachen, wie es derzeit geschieht. Eine Erneuerung und Intensivierung von Unterricht und Bildung im christlichen Glauben sind heute gefordert, wie zur Zeit des hl. Vinzenz im 17. Jahrhundert. Hier liegen Aufgaben und Herausforderungen der Kirche heute.

3.    Die letzten Verse des 9. Kapitels aus dem Matthäusevangelium beziehen sich auf das andere wesentliche Anliegen des hl. Vinzenz von Paul.

Er sorgte sich um gut ausgebildete, charakterlich gefestigte, psychisch gesunde und emotional reife, spirituelle heilige Priester.  Sie waren in seiner Zeit so knapp wie heute. Ihm ging es um die Mehrung der Quantität mit der Steigerung der Qualität. Wir brauchen auch heute mehr Priester, aber mehr heilige Priester. Heiligkeit setzt heil sein voraus in Leib, Geist und Seele, Charakter und Emotionalität und verhindert Klerikalismus und Machtmissbrauch, Bigotterie und Scheinheiligkeit. Der Ruf nach Heiligkeit muss in unserer Kirche in allen Bereichen, aber besonders unter den Diakonen, Priestern und Bischöfen sowie den Ordensleuten lauter werden und überall Wiederhall finden.

Papst Franziskus hat sein letztes veröffentlichtes Apostolisches Schreiben der Heiligkeit gewidmet und es überschrieben: Gaudete et exsultate. Das Große Glaubensbekenntnis lehrt und verpflichtet uns, „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ zu sein. Solche evangeliumsgemäße Heiligkeit soll der Normalfall des Christenlebens sein. Sie bedeutet, mit allen Kräften und Möglichkeiten Jesus Christus nachzufolgen und entsprechend seinen Geboten sowie seinem Vorbild zu leben.

4.    Die Kirche wird nicht untergehen bis zum Ende der Zeit. Das hat uns Jesus Christus zugesagt. „Ich bin bei euch alle Tage, bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).

Wenn die Kirche in etlichen Gliedern sündigt – und das ist geschehen – dann wird sie dadurch insgesamt in ihrer Sendung sehr getrübt. Deshalb wird sie von Jesus Christus nicht aufgegeben. Vielmehr schickt er sie ins Fegefeuer, damit sie sich reinigt und heiligt. Denn sie soll Seinem Willen entsprechen und ihre Sendung erfüllen: Zeichen und Werkzeug des Heiles Gottes für die Menschen zu sein, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt. Wirken wir bei der Erneuerung der Kirche mit und fangen wir dabei bei uns selber an. Und beten wir um Priester, wie sie der hl. Vinzenz von Paul gewünscht und geformt hat.

5.    Wir gedenken in diesem Gottesdienst der in diesem Jahr verstorbenen Bischöfe. Auch sie haben Botschaften für uns hinterlassen. Vom französischen Schriftsteller und Poeten Patrice de la Tour du Pin (1911–1975) stammt der Vers: „Jeder Mensch ist eine heilige Geschichte“. Jeder Bischof hat einen Wahlspruch, der für sein Leben und Wirken besonders kennzeichnend ist und der eine Botschaft enthält.

  • Kardinal Karl Lehmann hatte als Wahlspruch: „Steht fest im Glauben“ aus dem 1. Korintherbrief, 16. Kapitel. Lasst uns, Schwestern und Brüder, im Glauben fest stehen durch Lernen, Bildung, die Teilnahme an den Gottesdiensten und am kirchlichen Leben und indem wir unseren Alltag aus dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe gestalten.
  • Dazu ermahnt uns auch der Wahlspruch von Weihbischof Manfred Melzer: „Deum diligendo cognoscere – Durch Lieben Gott erkennen“. Durch die Liebe zum Nächsten kommen wir Gott näher. Das hat der hl. Augustinus erkannt und gelehrt. Von ihm stammt der Wahlspruch „Durch Lieben Gott erkennen“.
  • Weihbischof Hans-Reinhard Koch hatte das Motto des hl. Johannes des Täufers über Jesus Christus gewählt, das sich im Johannesevangelium findet: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“. Das ist uns allen aufgetragen, damit Er wachsen kann, kleiner zu werden.
  • Weihbischof Werner Radspieler hat den Zuspruch der Weiheliturgie bei der Diakonenweihe zu seinem Wahlspruch genommen, der lautet: „Der, der es in euch begonnen hat, wird es auch vollenden“. Das ist eine Zusage, die für uns alle und die ganze Kirche gilt. Wir dürfen uns darauf verlassen, dass Gott, trotz unserer Sünden, unserer Schuld und unserer Schwächen, vollenden wird, was er begonnen hat: Heil für alle Menschen, auch durch uns.
  • Deshalb dürfen wir in der Freude des Herrn leben, der unsere Kraft ist. Das war der Wahlspruch von Weihbischof Johannes Kapp, der letzten Samstag verstorben ist. „Die Freude am Herrn ist unsere Kraft“.

Nehmen wir die Botschaften vom Leben des hl. Vinzenz von Paul und der in diesem Jahr verstorbenen Bischöfe mit. Das wird unser Leben und Wirken bereichern und reich machen für die Ehre Gottes und das Heil der Menschen.