Politischer Impuls
Dr. Barbara Hendricks
Bundesministerin a. D.
Das Jahr 2015 war ein gutes Jahr für internationale Verhandlungen in der Verantwortung der Vereinten Nationen. Im September wurden in New York die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG) und im Dezember wurde in Paris das Klimaschutzabkommen beschlossen. Beide Abkommen hatten einen langen Vorlauf und waren echte Erfolge der internationalen Zusammenarbeit.
Auch hier gab es einen langen Vorlauf, sowohl aus theologischer als auch naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Sicht. Ein wichtiger Berater war der Nestor der deutschen Klimaforschung, Professor Hans Joachim Schellnhuber, vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
Papst Franziskus selbst hat deutlich gemacht, worum es ihm mit dieser Enzyklika auch ging. In einer Pressekonferenz im Januar 2015 äußerte er: „Wichtig ist, dass zwischen ihrer Veröffentlichung und dem Treffen in Paris ein gewisser zeitlicher Abstand liegt, damit sie einen Beitrag leistet.“
Die Enzyklika Laudato si’ richtet sich also einerseits an die Gläubigen und ruft diese auf, ihre Lebensweise und ihr Konsumverhalten zu überdenken. Andererseits richtet sich Papst Franziskus an die Gemeinschaft der Staaten und deren politische Entscheidungsträger wegen ihrer Verantwortung für das gemeinsame Haus.
Und in diesem gemeinsamen Haus müssen die Bekämpfung der Armut und die Bekämpfung des Klimawandels als integrale Herausforderungen gesehen werden, der sich Politik und Wirtschaft zu stellen haben.
Alle Verträge auf der Ebene der Vereinten Nationen bedürfen der Einstimmigkeit, das gilt auch für die im September 2015 verabschiedete Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung und ihre 17 definierten Ziele, die Sustainable Development Goals, SDGs.
Ganz sicher hat Laudato si’ die UN-Agenda 2030 erheblich beeinflusst, der Geist der Enzyklika findet sich eigentlich in allen definierten Zielen – explizit in SDG 1, Bekämpfung der Armut, und in SDG 13, Maßnahmen zum Klimaschutz.
Ganz sicher nicht unterschätzt werden darf in diesem Zusammenhang die Rede, die Papst Franziskus am 25. September 2015 vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen gehalten hat. Es war die Auftaktveranstaltung zur abschließenden Beratung der Nachhaltigen Entwicklungsziele. Auch hier legte Franziskus den Schwerpunkt seiner Rede auf die weltweite Ungleichheit und betonte die Verantwortung der Wohlhabenden – seien es Menschen oder Länder – für die Armen.
Das Pariser Klimaschutzabkommen vom Dezember 2015 benennt als wesentliches Ziel, die Erderwärmung bis zur Mitte der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auf deutlich unter 2 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Um dies zu erreichen, verpflichten sich alle Staaten, jeweils alles zu tun – technologisch, finanziell, politisch –, was ihnen möglich ist, um den Klimawandel zu bekämpfen. Diese jeweiligen nationalen Anstrengungen – National Determined Contributions (NDCs) – führen gemeinsam zur Umsetzung des Abkommens. Es ist also ein großes Mosaik gemeinsamer Anstrengungen, in dem kein Stein auf Dauer fehlen darf. Das ist für alle Unterzeichnerstaaten völkerrechtlich verbindlich.
Darüber hinaus verpflichten sich die Staaten, das ihnen Mögliche zu unternehmen, um die Erderwärmung nicht über 1,5 Grad Celsius hinausgehen zu lassen. Diese Zusage ist nicht völkerrechtlich verbindlich und wurde in den letzten Verhandlungstagen auf dringende Bitte der Small Island Developing States (SIDS), insbesondere des Pazifischen Ozeans und der Karibik, in das Vertragswerk aufgenommen.
Gerade die Bürgerinnen und Bürger dieser kleinen Inselstaaten leben oft in großer Armut und in der Bedrohung, ihre Heimat und das gesamte Staatsgebiet zu verlieren. Wir mit unserem „mitteleuropäischen Blick“, der mehr als wir es selbst annehmen durch die kolonialen Strukturen des 19./20. Jahrhunderts geprägt ist, neigen dazu, das Leben in diesen kleinen Inselstaaten als „paradiesisch“ zu betrachten.
Aber auch hier sollte uns Laudato si’ die Augen öffnen und hat dies auch getan. Die Verhandlungen in Paris, so schwierig sie auch waren, kamen zu einem guten Ergebnis, das weiterhin tragfähig ist. Ich bin ganz sicher, dass die herausragende Enzyklika Laudato si’ einen wesentlichen Teil dazu beigetragen hat.
