Empfehlungsliste 2026

Unter dem Vorsitz von Weihbischof Robert Brahm (Trier) hat die Jury 147 vorgeschlagene Bücher von 47 Verlagen für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2026 gesichtet. Daraus hat sie eine Empfehlungsliste von 15 Kinder- und Jugendbücher erstellt. 

Diese Bücher greifen Themen auf, die für das Zusammenleben wichtig sind, vermitteln christliche Werte und fördern gegenseitiges Verständnis.

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Kim Fupz Aakeson, Signe Kjær: Maria bekommt ein Kind

Fischer Sauerländer, Frankfurt a. M. 2025
Übersetzt von Friederike Buchinger
32 S., ISBN: 978-3-7373-7355-5, € 16,00
für alle

Die wohl berühmteste Geschichte der Bibel – ganz neu erzählt. Was Maria und Josef hier erleben, kennen viele Paare auch heute: das Heranwachsen eines kleinen Menschen im Bauch der Mutter, das Staunen über das Wunder einer Geburt und das Glück, einem neuen Menschen das Leben zu schenken. Die Menschwerdung Gottes wird hier also nicht abstrakt, sondern ganz konkret dargestellt: ein hilfloses Kind, das auf die Liebe und Fürsorge seiner Eltern angewiesen ist.

Dabei konzentriert sich die Darstellung auf die Beziehung zwischen Maria und Josef, in der menschliche Grundvollzüge wie Vertrauen, Zweifel, Glauben Raum bekommen. Gleichzeitig nimmt das Buch die Erzählungen aus den Evangelien ernst, ohne deren Leerstellen einseitig zu füllen. Von der jungfräulichen Geburt wird beispielsweise erzählt, ohne dass sie ein übermäßiges Gewicht bekommt. Es bleibt ein Geheimnis, das zum Staunen einlädt und nicht zum rationalen Erklären zwingt.

So bleibt die Weihnachtsgeschichte keine ferne mythische Erzählung aus alter Zeit, sondern wird zu einer lebendigen, berührenden Geschichte von Gottes Menschwerdung, die die Welt verändert hat und weiterhin verändern will. 

Die bunten, in warmen Farben gehaltenen, fantasievollen und üppigen Bilder, auf denen es für Kinder viel zu entdecken gibt, machen das Buch zu einem Lese- und Vorlesevergnügen für alle Altersstufen.

Aaron Becker: Der letzte Hüter der Tiere

Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2025
40 S., ISBN 978-3-8369-6369-5, € 16,00
für alle

Nach einer verheerenden Flut steht die Erde unter Wasser. Wenige Tiere in einem Zoo haben überlebt. Kein Mensch ist mehr übrig. Und so kümmert sich der Roboter NOA liebevoll um die Tiere. Als  das Wasser weiter steigt, baut er ein großes Boot und segelt mit den Tieren los. Nach einem heftigen Sturm stranden sie auf einer Insel, die Lage scheint aussichtslos. Doch dann kommt ein  Luftschiff in Sicht – mit einem weiteren Roboter an Bord. Gemeinsam retten sie die Tiere und gelangen schließlich ans Ufer eines grünen und blühenden Landes, wo ein neuer Anfang möglich  scheint.

Dieses außergewöhnliche „Silent Book“ erzählt eine Geschichte, die in vielen Details an die biblische Geschichte von Noah erinnert: der Name des Roboters, die Friedenstaube auf seiner Brust, die Flut, das Boot, der Regenbogen, der über dem „neuen Paradies“ am Ende strahlt. Man kann das Buch jedoch auch als eine zeitgenössische Parabel lesen, in der es um Umweltzerstörung und  Artensterben geht, um eine Welt, aus der die Menschen verschwunden sind und ihre Geschöpfe, die Roboter, das übernehmen, was sie versäumt haben: die Erde zu bewahren. Die Roboter sind  Geschöpfe, keine Schöpfer, und doch handeln sie schöpferisch, lebensrettend.

„Der letzte Hüter der Tiere“ ist ein Buch, das ohne Worte auskommt und in seinen zarten und detailreichen Aquarellbildern, auf denen es für Kinder viel zu entdecken gibt, doch so viel erzählt. Die Geschichte zeigt: Mitgefühl, Verantwortung und Fürsorge sind Werte, die das Leben bewahren.

Charles Berbérian: Groß werden

Aladin, Stuttgart 2025
Übersetzt von Anja Kootz
32 S., ISBN 978-3-8489-0241-5, € 16,00
ab 4 Jahren

„Müssen Bäume in die Schule? Und heiraten sie auch?“ In diesem großformatigen Bilderbuch spazieren wir mit einem Jungen, seiner Mutter und einem kleinen Hund gemächlich durch einen Wald.  Währenddessen entspinnt sich zwischen Mutter und Sohn ein Gespräch über die kleinen und großen Fragen des Lebens. Schließlich erreichen sie die perfekte Stelle: Hier pflanzt die Mutter einen Baum für den verstorbenen Großvater des Kindes. Und so schließt sich der Kreislauf des Lebens. Der Tod bedeutet nicht das Ende, sondern den Übergang in eine neue Form des Seins: Der Großvater lebt weiter im Baum, der Früchte trägt und neue Samen bildet.

Charles Berbérian, Comic-Zeichner und Illustrator, hat mit „Groß werden“ ein Bilderbuch über die Schönheit und den steten Fluss des Lebens geschaffen. Die kurzen Dialoge zwischen Mutter und Sohn strahlen eine große Neugier auf das Leben aus und eine tiefe Akzeptanz, die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Zugleich laden sie dazu ein, über die Zusammenhänge zwischen Sein und Werden, Natur und Mensch nachzudenken. Diese Überlegungen finden ihren Spiegel in den wunderbar leuchtenden, großen Illustrationen des grünen Waldes. Dazwischen gibt es immer wieder Seiten in schwarz-weiß, die den Text in den Vordergrund rücken und Raum lassen, und wer mag, kann den Wald mit all seinen Grüntönen dort weitermalen. Das macht die Lesenden selbst zu Mitgestaltern und lädt zur aktiven Teilhabe am Werden des Buches ein.

„Groß werden“ zeigt Kindern (und Erwachsenen), dass Abschiednehmen und Trauer zu einem Kreislauf gehören, in dem sich Leben immerzu verwandelt. Denn Leben und Tod sind keine  Gegensätze, sondern miteinander verwoben – so wie die Bäume in einem Wald.

Bea Davies: Super-GAU

Carlsen Verlag, Hamburg 2025
208 S., ISBN 978-3-551-75647-3, € 26,00
ab 15 Jahren

„Jeder ist ein Jemand, mit einer Geschichte, die einzigartig ist. Und alles ist miteinander verwoben.“ Bea Davies’ „Super-GAU“ ist ein vielschichtiges, visuell wie erzählerisch dichtes Werk, das von  einer zentralen Katastrophe ausgeht und zugleich den Blick weit öffnet, hin zu den feinen, oft unsichtbaren Verbindungen zwischen unterschiedlichsten Menschen. Diese Verflechtung wird nicht nur  erzählt, sondern ebenso sichtbar gemacht. Immer wieder begegnen sich die Figuren direkt oder indirekt, ihre Geschichten überblenden sich, setzen sich fort, spiegeln einander. Das Wasser dient  dabei als Metapher der Durchlässigkeit: zerstörerisch, verbindend, lebensnotwendig.

Die Graphic Novel, von Davies verfasst und illustriert, beeindruckt durch die meisterhafte Verbindung von Bild- und Textebene: Dialoge, die über Fernsehszenen gelegt sind, Beobachtungen, die sich gegenseitig einholen, aquarienhafte Landschaften, die an Katastrophenbilder erinnern, ausgehend von der Fukushima-Katastrophe im Jahr 2011. Das im Bild Erzählte wechselt zwischen Realität
und Reflexion hin und her. Das eine wird mit dem anderen verbunden – persönliche Schicksale mit globalen Ereignissen in ihrer Einsamkeit, aber auch in ihrer Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Empathie und dem täglichen Überlebenskampf. Kleine Gesten verdichten sich auf diese Weise zu einem Netzwerk aus Mitmenschlichkeit, Achtsamkeit und Hoffnung, das über die konkreten Zusammenhänge und Zeiten in die Welt hinein und weiter wirkt.

Clare Furniss: The things we leave behind

Rotfuchs, Frankfurt a. M. 2025
Übersetzt von Anne Brauner
336 S., ISBN 978-3-7571-0195-4, € 19,90
ab 14 Jahren

Der Roman spielt in einer gar nicht so fernen, vorstellbaren Zukunft: England wird von einem totalitären Regime beherrscht. Menschen anderer als weißer Hautfarbe werden benachteiligt, verfolgt und verschleppt, Nachbarschaftswachen überwachen die Einhaltung zunehmend diktatorischer Gesetze.

Zunächst verändert sich der Alltag von Clem, ihrer kleinen Stiefschwester Billie, ihrem Vater und ihrer Stiefmutter Claudia nur wenig und kaum merklich. Doch dann wird Claudia wegen ihrer  Hautfarbe deportiert. Nach einer brutal niedergeschlagenen Demonstration muss Clem London verlassen und sie reist zu ihrem Großvater aufs Land, um sich und ihre Schwester in Sicherheit zu bringen. Eine unglaublich aufreibende und gefährliche Flucht, auf der sie aber auch immer wieder Menschen trifft, die ihr helfen und dabei sogar zu Freunden werden.

Dieses eindrucksvoll komponierte, mitreißend erzählte Buch bleibt bis zum überraschenden Twist am Schluss höchst spannend. Mit feinem Gespür behandelt es Themen wie die Würde des  Menschen, Mitmenschlichkeit und Verantwortung. Zugleich ist es eine präzise Zeitdiagnose. Es zeigt, wie schnell demokratische Strukturen erodieren können, Ausgrenzung zur Normalität wird und wie gefährlich die Haltung „uns wird schon nichts passieren“ ist. Geschichte wiederholt sich nicht einfach, aber die Mechanismen, die zu Unterdrückung und Verfolgung führen, sind zeitlos und erschreckend aktuell.

Clare Furniss schafft es, literarisch anspruchsvoll und emotional packend von Verlust und Hoffnung, von Flucht und Zusammenhalt zu erzählen. Vor allem aber ist der Roman eine eindringliche Erinnerung daran, dass Freiheit, Demokratie und Menschenwürde keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern Werte, die wir leben und für die wir einstehen müssen.

Will Gmehling, Jens Rassmus: Der Sternsee

Peter Hammer Verlag, 2. Aufl., Wuppertal 2025
56 S., ISBN 978-3-7795-0766-6, € 14,00
ab 9 Jahren

Die vier Freunde Mo, Sissi, Anastasia und der namenlose Ich-Erzähler leben in einem Wohnkomplex am Rand einer Großstadt. Mit Armut kennen sie sich alle aus. Doch statt zu resignieren, feiern sie das Leben und ihre Freundschaft, wann immer es geht.

Eines Tages im Winter friert der sternförmige See, die einzige wirkliche Sehenswürdigkeit der Siedlung, zu. Aber er bleibt auch im Frühjahr und Sommer gefroren, bis er eines Tages plötzlich und einfach so wieder auftaut. Man könnte meinen, es habe sich nichts verändert. Aber so, wie der See unerwartet gefriert und wieder aufbricht, durchbrechen auch die vier Freunde das Gewöhnliche, das Erwartbare. So findet Anastasia, die kaum mal ein Wort sagt, endlich ihre eigene Sprache, und der Ich-Erzähler entdeckt, dass er Sissi plötzlich ganz anders sieht und auf neue Weise mag.

Will Gmelhing gelingt hier ein außergewöhnliches Buch, das Poesie und soziale Realität auf eine Weise verbindet, die in der Kinderliteratur selten zu finden ist. Gleichzeitig werden Werte wie Rechtschaffenheit, Solidarität, Diversität und die Bedeutung echter Freundschaft nicht erst umständlich thematisiert, sondern einfach gelebt. Sie kommen in kleinen Gesten der Freundschaft und des Mitgefühls zum Ausdruck, finden sich immer wieder zwischen den Zeilen der Dialoge, ohne aufgesetzt zu wirken. Gmehlings schlichte Sprache in kurzen, einfachen Sätzen macht das Buch zudem auch ungeübteren Lesern zugänglich, ohne dabei an literarischer Tiefe zu verlieren.

Die außergewöhnlichen, eisblauen Illustrationen von Jens Rassmus eröffnen noch einmal eigene Deutungsebenen, indem sie das Geschehen auf ganz eigene Weise spiegeln und weitererzählen.

Heinz Janisch, Michael Roher: Das Buch der Anfänge

Tyrolia Verlag, Innsbruck 2025
72 S., ISBN  978-3-7022-4312-8, € 18,00
ab 5 Jahren

Was passiert, wenn ein Baum plötzlich davonläuft? Oder ein Bär im Fußballteam auftaucht? Die Frage kann nur ein Anfang sein. Beantworten kann man sie nur selbst – und vielleicht sogar bei jedem Lesen wieder anders?

Denn der Untertitel dieses Buches „33 Einladungen zum Weiterdenken“ ist hier sozusagen Programm: 17 Sätze und 16 fantasievolle Bilder laden zum Weitererzählen und Philosophieren ein. Wer mag, kann zwischen den Sätzen und Bildern Verbindungen suchen (und finden), Geschichten miteinander vernetzen, Gedanken neu spinnen, neue Welten betreten.

Dabei enden die „Einladungen zum Weiterdenken“ keineswegs mit der letzten Seite. Leserinnen und Leser werden ermutigt, selbst weiterzuschreiben, eigene Textanfänge oder Illustrationen zu schaffen und damit wiederum andere zum Nachdenken und Erzählen anzuregen. So entsteht ein lebendiges Netz aus Geschichten und Gedanken.

Zudem eignet es sich zum Einsatz in der pädagogischen Praxis, beispielsweise als Impuls zum kreativen Schreiben oder im Philosophie- und Religionsunterricht, aber auch für Leseanfänger und
ungeübtere Lesende.

Ein Buch, das zur Mitautorenschaft einlädt und Kinder ernst nimmt als Denkende und Schöpferinnen und Schöpfer. Ein Buch voller Möglichkeiten und eine Schule der Fantasie.

Jenny Jordahl: Nur noch ein bisschen mehr

Atrium Verlag, Zürich 2025
Übersetzt von Leonie Teckenburg
208 S., ISBN 978-3-85535-219-7, € 19,00
ab 10 Jahren

Diese Graphic Novel erzählt mit großer Sensibilität die Geschichte von Janne, einem Mädchen, das in einem schmerzhaften Kreislauf gefangen ist. Sie findet sich selbst zu dick – nicht zuletzt, weil ihr das auch alle in ihrer Klasse immer widerspiegeln. Das verstärkt ihre Selbstzweifel. Und zum Trost, und weil es ihr hilft, den Schmerz nicht zu fühlen, isst sie. Schließlich überschattet ihr  Körpergewicht all ihr Tun und Selbsterleben, was sich eindrucksvoll in den Illustrationen wiederfindet, dargestellt als Schattenmonster, das zum Symbol ihres Selbsthasses wird.

Das Buch macht aber auch deutlich, wie schwierig es ist, diesen Kreislauf zu durchbrechen, selbst wenn es Menschen im Umfeld gibt, die da sind und helfen möchten. Denn Jannes Eltern machen ihr den – gut gemeinten – Vorschlag, jedes verlorene Kilo mit Geld zu belohnen. Janne freut sich über die Unterstützung, isst weniger und gesünder, bewegt sich mehr und nimmt tatsächlich ab. Doch sie steckt weiter in der Selbstabwertung fest. Die anfängliche Lösung entpuppt sich als neues Problem. Mit der Hilfe ihrer Eltern und Freunde gelingt es ihr aber schließlich, einen Weg heraus Richtung Selbstakzeptanz zu finden.

Für Kinder ist dies ein wichtiges Buch, das Themen wie Mobbing, Bodyshaming und Essstörungen altersgerecht aufgreift und Betroffenen Mut macht, sich Hilfe zu holen, während es anderen die Augen öffnen kann für die Folgen von Ausgrenzung und verletzenden Worten.

Mareike Krügel: Inseltage mit Rosa

Beltz & Gelberg, Weinheim 2025
Illustration Anna Schilling
144 S., ISBN 978-3-407-75285-7, € 14,00
ab 9 Jahren

Lila reist mit ihrer Großmutter Mu für ein paar Tage auf eine Schäreninsel. Jeden Morgen macht sich Lila nun auf die Suche nach ihrer besten Freundin Rosa, mit der sie sich in Fantasie- und Rollenspielen verliert. Als Lesende ahnen wir früh: Rosa ist nicht wirklich da. Sie ist bei einem Autounfall gestorben, und Lila hat sich in ihre Fantasiewelt zurückgezogen und ist verstummt. Am Tag der geplanten Abreise kommt Sturm auf und Lila und Mu sitzen auf der Insel fest. Um der Angst und der Langeweile zu entgehen, starten sie ein „Sturmprojekt“, basteln Scherenschnitte, schreiben Gedichte, bemalen die Wände der Hütte. Durch das gemeinsame kreative Schaffen und behutsame Gespräche kann sich Lila von Rosa verabschieden. Ganz allmählich findet sie so ihre Stimme wieder und am Ende zurück ins Leben.

Obwohl es um Abschied, Trauer und Loslassen geht, ist daraus ein sehr hoffnungsvolles Buch entstanden, das von einer heiteren Grundstimmung getragen wird. Und eine tröstende Botschaft hat: Die Gemeinschaft mit einem Menschen, der einem zugewandt ist, selbst, wenn er aus einer ganz anderen Generation stammt, kann Hoffnung schenken. Kreatives Schaffen kann heilen. Und das Leben ruft uns zurück, wenn wir bereit sind, ihm wieder zuzuhören.

Die schwarz-weißen, skizzenhaften Illustrationen von Anne Schilling erinnern in ihrer Leichtigkeit ein wenig an Tove Jansson, die für die Figur der Mu ein Vorbild war, wie die Autorin zu Beginn des Buches mitteilt.

Ein leises Buch, das zeigt: Loslassen bedeutet nicht vergessen, sondern meint die Erlaubnis, weiterzuleben.

Alison McGhee: Das Telefon in der Birke

dtv Verlagsgesellschaft, München 2025
Übersetzt von Birgitt Kollmann
208 S., ISBN 978-3-423-64126-5, € 18,00
ab 10 Jahren

Ayla liebt Bäume, ganz besonders „ihre“ Birke vor ihrem Fenster. Hier verbringt sie viel Zeit, seit ihre beste Freundin Kiri nicht mehr da ist. Eines Tages hängt dort plötzlich ein altes  Wählscheibentelefon. Und sie ist erstaunt, wie viele Menschen es nutzen, um mit ihren Verstorbenen zu „sprechen“. Ayla selbst weigert sich, es zu benutzen, denn Kiri ist ja nur verschwunden. Zu ihrem elften Geburtstag wird sie ganz bestimmt zurück sein!

Alison McGhee gelingt es in diesem Buch, einen Trauerprozess mit großer Authentizität und Sensibilität nachzuvollziehen. Aus der Innenperspektive der Ich-Erzählerin Ayla folgt sie dem schweren Weg vom Nicht-wahrhaben-Wollen bis hin zur Akzeptanz des Todes ihrer Freundin Kiri. Dieser Prozess, der kunstvoll in Worte gefasst und auch grafisch sichtbar wird, hat Birgitt Kollmann auf herausragende Weise ins Deutsche übertragen.

Auch die Figuren in ihrem Umfeld sind fein gezeichnet. Aylas Eltern und ihr Großvater begegnen ihrer Trauer mit Respekt und Geduld. Sie drängen nicht auf schnelle Heilung oder therapeutische Begleitung, sondern sind einfach für sie da und halten sie, bis sie von sich aus einen Schritt weitergehen kann.

Das symbolische Telefon steht in der Geschichte als Ausdruck für Erinnerung und Verbundenheit – nicht als magischer Gegenstand, sondern als Zeichen, dass Liebe über den Tod hinaus fortbesteht. Am Ende öffnet sich Ayla neuen Freundschaften – ein tröstliches Bild dafür, dass das Leben weitergeht und anders, aber auch wieder schön werden kann.

Nils Mohl: Engel der letzten Nacht

Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2026
Rotfuchs, Frankfurt a. M. 2025
224 S., ISBN 978-3-7571- 0192-3, € 17,90
ab 15 Jahren

Eine Abitur-Feier am Strand; eine nächtliche Autofahrt; ein Zeitlupenmoment. „Und das ist es dann auch schon gewesen.“

Am Beginn des Romans steht der Tod des Ich-Erzählers. Doch: Kann das sein? Ist wirklich passiert, wovon dieses Ich erzählt? Denn an dieser Stelle mischt sich eine andere Erzählstimme ein und fragt: „So!?“  Kester hat soeben bravourös das Abitur abgelegt – „Kester, immer Klassenbester“ – und stellt sich nun die Frage, was eigentlich danach kommt. Kann das Leben gelingen? Und „kann die Nacht der Nächte nur das eine sein: die letzte Nacht“?

Vor dem Hintergrund dieser jugendlichen Fragen setzt der Roman mehrfach neu an. Kester überlebt den Auto-Crash und gelangt nach Hamburg. Von da an spielt der Roman in drei Versionen in dieser einen Nacht rund um jenen Weltkriegsbunker, der mittlerweile begrünt, begehbar und mit Cafés und Clubs bestückt ist. In dieser Nacht wird zuallererst vom Leben erzählt. Der einsame, verkopfte Kester trifft immer wieder auf Menschen – in all ihren lauten und leisen und schrillen und bezaubernden Variationen. Kester erinnert dabei an Elija, der vor dem Leben in die Wüste flüchtet; der dort aber mehrfach von einer Botschaft berührt wird, der Brot und Wasser zugetragen bekommt und immer wieder aufs Neue gestärkt zu seiner Bestimmung zurückfindet.

Dieses Moment der Wiederholung greift Nils Mohl auf: Wenn der Roman neu ansetzt, werden Figuren und Szenen neu aufgegriffen und weitererzählt; Dialoge werden erweitert und intensiviert, Erzählzeit und erzählte Zeit werden immer deutlicher voneinander unterschieden. Die Ereignisse reichen einerseits immer weiter zurück, legen immer deutlicher die Vorgeschichte(n) dieser Nacht frei; andererseits schreitet die Nacht immer weiter voran. War Kesters anfängliche Absage ans Leben jugendlich-situativ bedingt, so weitet sich Stück für Stück sein Blick darauf, was das Leben an Möglichkeiten offenhält. Die Menschen, denen er begegnet, werden älter und stellen erwachsenere Fragen an ihn und sich selbst. Kester dringt zur zentralen Frage vor, was oder wer ihn bewegt. Die Ereignisse beschleunigen und Leserinnen und Leser müssen sich schließlich fragen: Was passiert hier eigentlich? Im Sinne eines literarischen Glücksfalls zeigt der Roman, dass die Bedeutung von Literatur nicht in ihrer raschen Konsumierbarkeit liegt, sondern im Sinne von Papst Franziskus erst dort Wurzeln schlägt, wo ein Text in seiner Gesamtheit erschlossen wird. Wo er zu Ende gelesen werden muss, um seinen Rhythmus, seine Komposition und Dramaturgie zu erfassen – so wie auch das Leben und der Glaube nicht fragmentarisch erfasst werden können, sondern nur in der Gesamtheit der Seins- und Sinnfragen. Dieserart zeigt sich erst vom Ende des Romans her dessen erstaunliches Gesamtbild und ermöglicht auf beeindruckende Weise die Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Lesarten: Linear gelesen erzählt der Roman von einem jugendlichen Identitätsfindungsprozess. Dabei wird ein diakonisches Moment zentral: allein schafft Kester den Übertritt in die neue Lebensphase nicht – sehr wohl aber in Gemeinschaft. Erst in ihr realisiert sich ein Glaube an Gott als Idee für „das Gute, das Absolute, das Unbekannte oder aber […] eine Stimme da oben, die in uns unermüdlich alles kommentiert und das Leben zu lauter Geschichten macht“. Denn diese „Geschichten“ werden als Glaubensbezeugung durch uns als Menschen in die Welt getragen. Folgt man aber dem anfänglichen „Riss im Raumzeitgefüge“, lässt sich der Roman auch ganz anders lesen. Dann nämlich wird jene Figur von Bedeutung, die Kester am Eingang zu einem Club im Bunker trifft und die sich ihm als Engel vorstellt. Mit dieser Figur des Bruno als Folie dekliniert der Roman aus, was ein Engel sein könnte, und orientiert sich dabei an einer These des Theologen Claus Westermann: „Der Engel kommt ins Sein mit seinem Auftrag, er vergeht mit der Erfüllung seines Auftrags, denn seine Existenz ist seine Botschaft.“ Vom Ende des Romans her wird Kester selbst zu diesem Engel, denn nicht nur er wird durch die zahlreichen Begegnungen zurück ins Leben geholt, sondern auch er beeinflusst zentral die Leben jener, auf die er trifft.

Der vielschichtige Roman arbeitet mit metafiktionalen Einschreibungen, die herausgelesen werden können: Da ist Blanka, Kesters Freundin, die ihrer Krebserkrankung und ihren eigenen Fragen ans Leben mit einem Blog begegnet. Hat Kester recht, wenn er Blanka vorwirft, sie könnte ihn „auch einfach erfunden“ haben? Ist K. nur eine Chiffre, die sich mit Kester, aber auch mit Kunstgriff, Krankheit oder Kränkung auffüllen lässt? Mit „[e]iner Kämpferin. Einem Künstler. Einer Kapitalistin. Einem Komiker“. Mit Kunstfiguren gleichermaßen wie deskriptiven Annäherungen an eine Lebens-Vielfalt, die Kester in dieser Nacht bewusst wird? Schließt sich damit der Kreis zur Denkfigur eines Erzählers/einer Erzählerin. Eines Lesers/einer Leserin?

Einfach ist es nicht, das Leben. Und auch Nils Mohls Roman verzichtet auf einfache Antworten. Doch schon die Vielfalt der Lektüremöglichkeiten zeigt die hohe Kunst der Komposition und die Prägnanz, mit der Nils Mohl einen Roman gestaltet, der (scheinbar) mit dem Tod eines Jugendlichen einsetzt. Der damit aber zeigt, dass weder der Autor tot ist, wie Roland Barthes in den Raum gestellt hat, noch der Glaube ans Lesen und ans Leben, an die Lust am Leben, die Intensität, mit der gelebt und geglaubt werden kann. Soll. Muss.

Verena Pavoni, Lena Raubaum: Schlich ein Puma in den Tag

Kunstanstifter, Mannheim 2025
144 S., ISBN 978-3-948743-50-5, € 28,00
ab 5 Jahren

Dieses außergewöhnliche Bilderbuch ist weit mehr als eine Geschichte, es ist eine Einladung, Teil eines kreativen Prozesses zu werden. Denn die Schweizer Künstlerin Verena Pavoni lässt vor  unseren Augen Tiere wie Puma, Frosch, Kugelfisch, Leguan und Schleiereule entstehen, sich verwandeln und – durch Kratztechnik – wieder neu erscheinen.

Kongenial begleitet wird die Bildebene durch die Poesie von Lena Raubaum, denn auch in Bezug auf die Texte wird man Teil des künstlerischen Schaffensprozesses: Vers um Vers wird Seite um Seite geschichtet, bis Text und Bild sich vollendet haben und zu einem kunstvollen Ganzen geworden sind. Die Lesenden werden so nicht zu passiven Betrachtenden, sondern zu Mitreisenden bei einem künstlerischen Abenteuer.

Gleichzeitig spürt man beim Lesen und Schauen, dass darin eine große Kraft steckt: die Kraft der Verlangsamung, des Innehaltens. Das Buch lädt zum Staunen ein und zu einer achtsamen Begegnung mit Kunst, Natur und Sprache.

Nicht zuletzt findet sich im Buch eine Anleitung dafür, wie man selbst kreativ werden kann und es gelingt, Tiere und anderes aufs Papier zu zaubern, zum Verschwinden und wieder zum Vorschein zu
bringen.

Eine Entdeckungsreise in die Kunst des Werdens, die dazu anregt, mit Kindern ins Philosophieren zu kommen.

Isabel Pin: Ada Blackjack

Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2025
96 S., ISBN 978-3-8369-6321-3, € 22,00
ab 8 Jahren

Ada Blackjack, eine junge Iñupiaq, nimmt 1921 als einzige Frau an einer Expedition zur Wrangelinsel – der Bäreninsel – in der Arktis teil, denn sie braucht dringend Geld für die Behandlung ihres kranken Sohnes. Doch die Expedition scheitert. Nur Ada überlebt – abgesehen von Vic, der Expeditions-Katze, die ihr in den zwei Jahren Gesellschaft leistet, bis sie endlich von der Insel gerettet werden. Gelingen konnte ihr das nur, weil sie einen schier unermesslichen Überlebenswillen besaß und weil sie die Hoffnung niemals aufgab. Eine andere bemerkenswerte Fähigkeit Adas ist, trotz der erlittenen Ungerechtigkeiten freundlich und einfühlsam zu bleiben. Die Autorin klammert auch schwierige Themen nicht aus, sondern stellt sie altersgerecht dar, ohne die historische Realität zu verschleiern: den Umgang der Amerikaner mit indigenen Gemeinschaften, Rassismus, Kolonialismus, Alkoholismus.

Isabel Pin legt mit „Ada Blackjack“ eine eindrucksvolle Biografie einer bemerkenswerten Frau vor, die lange von einer männlich dominierten Geschichtsschreibung ignoriert wurde. Dazu hat sie gründlich recherchiert, wie das umfangreiche Quellenmaterial im Anhang belegt. Sie reiste 2022 nach Alaska, schaute sich Orte und Landschaften an, sprach mit Adas Nachkommen. Diese Sorgfalt spiegelt sich auch in den Zeichnungen: Die detailreichen Bilder verbinden feine Tuschelinien mit leuchtenden Aquarellfarben und fangen Landschaften und Emotionen der Menschen gekonnt ein.

Isabel Pin gibt mit diesem Buch einer indigenen Frau ihre Stimme zurück, würdigt ihre Leistung und zeigt jungen Lesenden, dass Geschichte nicht nur von berühmten Männern geschrieben wird, sondern auch von mutigen Frauen, deren Namen oft vergessen wurden.

Moritz Seibert: Das letzte Aufgebot

Karibu, München 2025
320 S., ISBN 978-3-96129-487-9, € 16,99
ab 13 Jahren

Der Roman spielt in der Endzeit der nationalsozialistischen Diktatur und erzählt aus der Perspektive des 15-jährigen Jakob, der zusammen mit acht seiner Freunde als „letztes Aufgebot“ für einen unmöglichen Endsieg rekrutiert wird. Geprägt von der nationalsozialistischen Ideologie, mit der sie groß geworden sind, glauben die Jungen, an der Front bald zu Helden zu werden. Sie ahnen nicht, welches Grauen sie dort erwartet. Und zu welchen schwierigen und manchmal sogar lebensgefährlichen Entscheidungen sie diese Erfahrungen zwingen werden. Als Jakobs bester Freund ihn verrät, ist für ihn aber plötzlich ganz klar, auf welcher Seite er stehen will.

Besonders beeindruckend an dieser Geschichte, die so viele, die damals selbst Jugendliche waren, so oder ähnlich aus eigenem Erleben kennen, ist die kompromisslose Darstellung des Krieges und der Folgen rassistischer Ideologie. Die Protagonisten erfahren die Brutalität des Regimes unmittelbar am eigenen Leib. Und auch den Verrat, den Menschen aus Angst und Opportunismus begehen, beides wesentliche Bestandteile solcher Herrschaftsformen. Auf der anderen Seite ist der Roman ein eindrückliches Zeugnis für Zivilcourage, moralische Integrität und die Bereitschaft, für das Richtige einzustehen, selbst wenn es einen das Leben kosten kann.

Ein wichtiges, berührendes Buch, das Geschichte nicht abstrakt vermittelt, sondern durch die Augen eines Jugendlichen erlebbar macht. Hautnah kann man spüren, was es bedeutet, in   unmenschlichen Zeiten menschlich zu bleiben. Und dass das nicht nur lebensgefährlich ist, sondern auch alles andere als einfach und selbstverständlich.

Dita Zipfel, Rán Flygenring: Leben, Sterben und Kaninchen

Carl Hanser Verlag, München 2025
80 S., ISBN 978-3-446-28310-7, € 17,00
ab 5 Jahren

Ist es nicht unglaublich, dass wir jetzt gerade hier leben – auf dieser Welt, in diesem Moment? Und wo waren deine Atome, als du noch nicht auf der Welt warst? Diese und viele weitere staunende  Fragen stellen Dita Zipfel und Rán Flygenring in diesem philosophischen, humorvollen und gleichzeitig so tiefsinnigen Kinderbuch.

Es scheut nicht vor den großen Fragen des Lebens zurück, stellt sie aber so, dass Kinder sie verstehen und mittragen können. Dabei führt es behutsam an die Erfahrungen von Endlichkeit,  Endgültigkeit und die Sehnsucht nach Ewigkeit heran und zeigt: Über den Tod zu sprechen, muss keine Angst machen, sondern kann ganz im Gegenteil spannend sein. Und sogar trösten, weil man so versteht, dass alle, Menschen, Tiere, Pflanzen und sogar Steine, miteinander verbunden sind, über den Tod hinaus.

Die inspirierenden Illustrationen bringen diese Verbundenheit von allem durch alle Zeiten hindurch eindrucksvoll ins Bild, etwa indem die menschliche wie die tierische Ahnengalerie als Wurzelwerk dargestellt wird. Text und Bild ergänzen und erweitern sich wechselseitig.

Dabei geht es nicht darum, eindeutige Antworten vorzugeben, sondern Möglichkeiten zu bieten, im Gespräch und beim Vorlesen eigene Gedanken zu entwickeln.

Ein Buch, das nicht nur Kinder zum Staunen und Nachdenken bringt.