Begrüßungsansprache – Kardinal Karl Lehmann

Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Begrüßungsansprache anlässlich der vierten Verleihung des „Kunst- und Kulturpreises der deutschen Katholiken“ am 10. November 2001 in der Residenz zu München.

Die deutschen Katholiken, die Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken verleihen gemeinsam ihren Großen Preis für Kunst und Kultur. War das Verhältnis von Kirche und Kultur je ganz spannungsfrei? Gerne wird von Kulturtheoretikern und Zeitdiagnostikern der Kontrast aufgemacht zwischen den Jahrhunderten, in denen die Kirche die Kulturträgerin schlechthin war – je nach Perspektive ein goldenes oder finsteres Zeitalter – und unseren neuzeitlichen Verhältnissen, die etwa seit dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts, vor allem im intellektuellen juste milieu, gewöhnlich als säkularisiert und „postreligiös“ qualifiziert werden. In der Tat, auch Papst Paul VI. hatte schon von einem Bruch zwischen Kirche und Kultur gesprochen, den es zu heilen gelte, und von einem Drama. In welchem Akt des Dramas befinden wir uns jetzt?

Der 11. September und die anhaltende Verstörung, die von diesem grausamen, todessüchtigen Akt des Terrors ausgeht, hat auf eine ungeahnt nachdrückliche Weise ein Nachdenken über die Rolle der Religion in Politik und Kultur in Gang gesetzt. Wir sind erschrocken. Religion kann gefährlich sein. Dies haben wir Christen freilich schon gewusst. Wir haben es lernen müssen. Leider! Auch aus eigener, böser Erfahrung. Wann ist Religion gefährlich? Wenn man es mit ihr übertreibt, wenn man besonders fromm ist, sie zum Fundament des Lebens macht? Diesem Urteil ist nachdrücklich zu widersprechen. Der Gefahrenpunkt liegt vielmehr auf irritierende Art genau dort, wo die theologische Tradition des Alten und Neuen Testaments ihren heißen Kern hat: im Mysterium von Nähe und Distanz!

Der Gott, der von sich sagt „Ich bin da“, der aber darüber hinaus keinen Namen hat, wehrt sich dagegen, dass Menschen, und seien sie noch so voller Eifer, einfach von sich behaupten, sie seien gleichsam im Besitz des göttlichen Willens. Wenn wir im Vaterunser beten „Dein Wille geschehe“, dann macht uns diese Bitte jedes mal auf die entscheidende Differenz zwischen dem göttlichen Willen und dem unseren aufmerksam. Das „Deus vult“ der Kreuzfahrer, ihr Schrei: „Gott will es“, erscheint uns heute als Blasphemie und warnt uns vor der Gefahr, Gott und seinen Willen gleichsam zu usurpieren. Aber es ist doch – so hat es uns Jesus gelehrt – unser Vater! Wer sollte uns näher stehen? Nicht nur mit intellektueller, sondern darüber hinaus mit der Kraft des Herzens müssen wir nach dem Vorbild Jesu die Gottesnähe, ja die Gotteskindschaft suchen und doch unseren Willen nicht mit dem göttlichen verwechseln.

Sich Gottes zu bemächtigen, ihn zum Instrument eigener Bedürfnisse und Interessen zu machen, das ist die spezifische Versuchung eines irregeleiteten frommen Eifers. Seit dem 11. September hat auch unser Nachdenken über Gott ein neues Pensum: Statt Gott allzu umstandslos zum Verstärker des menschlichen Denkens und Handelns zu machen, müssen wir ihn als Kritiker unserer Taten, als großen Fragesteller zulassen, als den, der die Totalitarismen und falschen Fundamentalismen knackt.

Wie sieht das wahre Antlitz Gottes aus? Dieses Problem steckt auch hinter dem Beispiel, das mir einfällt, wenn ich auf der Suche nach einem unruhigen und ungesättigten Verhältnis zwischen Kirche und Kultur die Geschichte durchmustere. Denn natürlich war dieses Verhältnis nie spannungsfrei. Es ist der große, freilich innerkirchliche Kulturkampf des ersten christlichen Jahrtausends, der bisweilen bürgerkriegsähnliche Formen annahm, den wir z.B. unter dem Titel „Bilderstreit“ kennen. Das Bilderverbot, das zweite der zehn Gebote, das hinter diesem großen Streit steht, ist ja nichts anderes als die ästhetische Variante jenes Verbots, sich Gottes zu bemächtigen. „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Dies hören wir im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn. Heute übergeben wir den Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholikin erstmals einem Bildkünstler, einem Meister der bewegten Bilder, einem Filmautor. Das Medium Film hat die Verführungskräfte des Bildes, auf die das Bilderverbot seinerzeit antwortete, auf eine suggestive Weise gesteigert. Wie kein anderes Medium kann es uns in fiktive Welten entführen, kann illusionieren und überwältigen. Dagegen behalten pure Worte, auch wenn sie rhetorisch aufgeschäumt sind, immer etwas Spartanisches. Sie können niemals so mitreißen wie die Mobilisierung von Emotionen und Instinkten durch lebensechte Bilder. Hollywood ist die notorische „Traumfabrik“. Was für ein treffender Ausdruck! In industriellem Maßstab, mit dem industriellen Oberkriterium möglichst viel „einzuspielen“, werden dort Traumwelten produziert, in denen sich die Menschen sollen verlieren können. Daher war der Film immer auch das Lieblingsmedium der großen totalitären Regime. Es ist kein Zufall: Eisenstein und Riefenstahl waren Virtuosen ihres Mediums. Der Präsident der Universität Georgetown, L.D. Leo O´Donovan, hat vor einem Jahr, beim Berliner Bildungskongress der beiden Kirchen, einen neuen, einen ökonomistischen Totalitarismus befürchtet. Als Anhänger einer sozial verantworteten Marktwirtschaft warnte er – sogar im Interesse des Marktes selber – vor der Verwechslung von Markt und Leben. Und richtig! Wieder erleben wir, dass die bewegten Bilder sich dieser neuen totalitären Versuchung dienstbar machen. Interessant dabei ist, dass Werbefilme und das Kino der Spezialeffekte in ihren ästhetischen Mitteln kaum mehr zu unterscheiden sind.

Daher zeichnen wir heute den hervorragenden Vertreter eines anderen Kinos aus. Ich habe leider noch nicht alle Arbeiten von Theo Angelopoulos anschauen können. Aber das, was ich gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt. Seine Filme zeigen keine illusionierende, eher eine desillusionierende Wirklichkeit. Seine Werke sind zunächst einmal wegen ihrer verfremdenden künstlerischen Mittel „anders“. Ein Kritiker spricht von einer „Ästhetik der Entschleunigung“. Indem er seine Zuschauer zum langen Hinsehen erzieht, verhilft Angelopoulos ihnen zu einer neuen, intensiven Art, die Menschen und die Dinge wahrzunehmen, zu einer sehr direkten, anderen „Weltanschauung“. Wie so oft in künstlerischen Zusammenhängen erhält eine fremd gemachte Wirklichkeit schon allein dadurch, dass sie in ein anderes Licht gestellt wird, eine irritierende Attraktivität, eine Schönheit, die aus der Tiefe der Dinge kommt, auch wenn – oder sogar gerade weil die Oberfläche rau und hässlich ist – faszinierend hässlich. Wie dieser Regisseur es fertig bringt, die Zuschauer gleichzeitig auf Distanz zu halten und trotzdem zu faszinieren, ist sein Geheimnis. Angelopoulos meidet geradezu das Alltagslicht der Sonnenseite. Bei ihm ist der Himmel Griechenlands ungewöhnlich oft verhangen. Auf diese Weise bringt er das verborgene Alphabet der Dinge zum Sprechen und stimmt einen Wechselgesang zwischen Drinnen und Draußen an, der die großen Fragen zum Vorschein bringt.

Die Geschichten, die auf diese Weise zustande kommen, sind keine aufgehenden Rechnungen. Sie haben nicht das, was man eine „Lösung“ oder „Pointe“ nennen könnte. Sie laufen, wenn ich recht sehe, weder auf ein happy-end hinaus noch auf das Gegenteil. Sie führen ins Offene, mitten hinein in die Fragen nach Tod und Leben, nach Glück und Verdammnis, nach Verstehen und Verfehlen.

Lassen Sie mich einen kühnen Vergleich über mehr als tausend Jahre hinweg ziehen zwischen dem schon erwähnten ersten Bilderstreit, der mit dem Zweiten Konzil von Nizäa von 787 einen gewissen Abschluss fand, und einem neuen fruchtbaren Streit, den wir heute vielleicht intensiver führen sollten. Ich meine die Auseinandersetzung mit der alltäglichen Flut von Bildern, die uns als Folge jener neuen totalitären Bedrohung vor der Leo O´Donovan warnt, überschwemmt.

Die Bilder in der hellenistischen Welt der Spätantike waren auf Ähnlichkeiten aus, wenn man so will, auf die Verdoppelung und meist auch auf die Verherrlichung der Wirklichkeit, wie sie war und wie man sie sich wünschte. Der Bilderstreit hatte sich daran entzündet, dass die Künstler die unsichtbare Wirklichkeit und das Geheimnis Gottes mit Mitteln zu erfassen suchten, die für die Darstellung des Sichtbaren gemacht und erfunden worden waren. Die Malerei der Ikonenästhetik, die als Konsequenz dieses Bilderstreits herauskam, gleichsam die „Lehre“, die man aus ihm gezogen hatte, setzte bewusst Verfremdungsmittel ein. Das Gold ihrer Hintergründe war ein Zeichen der göttlichen Realität hinter der Welt des Sichtbaren. Die illusionierende Wirkung der Schattenmalerei und anderer Illusionierungsmittel wie die Perspektive und korrekte Anatomie wurden fahrengelassen. Die Andersheit Gottes, den wir nicht sehen können, strahlte auf über der neuen christlichen Kunst, die uns ein Mittelalter lang erhalten blieb.

Theo Angelopoulos scheint mir ein später Nachfahre jener Griechen zu sein, die den Bruch mit einer geläufigen hellenistischen Kunst herbeiführten. Seine andere Weise in bewegten, aber extrem ruhigen und verfremdenden Filmen gegen die Bilderflut des Alltags Widerstand zu leisten, zeugt von einer geistigen Verwandtschaft in der Wurzel. Danach wäre Angelopoulos der Ikonenkünstler des Films. Jedenfalls könnten die Spezialisten und Cineasten darüber einmal diskutieren. Auf jeden Fall ist Theo Angelopoulos in seinen Werken ein Lehrmeister des eschatologischen Blicks. Von den Antworten, die der Glaube anbietet, erfahren wir bei ihm nichts, wohl aber sehr viel von den Fragen, die diesen Antworten entsprechen. Aber was wären Antworten, ohne dass jemand fragt? Nur wer groß fragt, findet auch Antworten. Dafür gebührt ihm unser Dank und unsere Anerkennung, und dafür wollen wir ihn auszeichnen.