Dritter Katholischer Flüchtlingsgipfel 2017

Dokumentation

Am 6. November 2017 hat auf Einladung des Sonderbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für Flüchtlingsfragen, Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg), im Kölner Maternushaus der dritte Katholische Flüchtlingsgipfel stattgefunden. Wie bereits in den Vorjahren kamen etwa 150 Fachleute und Praktiker der kirchlichen Flüchtlingsarbeit zusammen, um sich über ihr Engagement auszutauschen und Perspektiven für die zukünftige Arbeit zu entwickeln. Im Zentrum stand dieses Mal das Thema „Seelsorge für geflüchtete Menschen als Aufgabe der gesamten Kirche“.

Eröffnung durch Erzbischof Dr. Stefan Heße
Erzbischof Heße griff zu Beginn einen zentralen Gedanken der Leitsätze des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge aus dem Februar 2016 auf: „Überall dort, wo Menschen an ihre existentiellen Grenzen stoßen, können sie auf den Beistand kirchlicher Seelsorger zählen.“ Der Sonderbeauftragte für Flüchtlingsfragen verdeutlichte, dass sich aus diesem hohen Anspruch ganz konkrete Fragen für die Seelsorge ableiten: „Wie können wir Menschen, die von einer Abschiebung bedroht sind, auf angemessene Weise seelsorglich unterstützen? Welche seelsorglichen Angebote können wir für die vielen Ehren- und Hauptamtlichen in der kirchlichen Flüchtlingshilfe entwickeln? Welche neuen Fragen ergeben sich für die Verkündigung unseres Glaubens? Wie begleiten wir Menschen mit muslimischem Hintergrund, die nach der Taufe fragen? Und schließlich: Wie können wir den Ängsten und Vorbehalten gegenüber Geflüchteten in unseren Gemeinden begegnen?“

Erzbischof Heße beklagte, dass zahlreiche Ehrenamtliche, die sich für schutzsuchende Menschen engagieren, oft in einem von Vorurteilen und Feindseligkeit geprägten Klima entmutigt würden. „Als Christen kann es uns nicht gleichgültig sein, wenn Hartherzigkeit an die Stelle von Solidarität tritt und Ressentiments den Blick auf den Nächsten verdunkeln.“ Dankbar zeigte er sich für das starke christliche Engagement für Geflüchtete, das auf allen Ebenen der Kirche stattfindet. Auch künftig müsse sich die Kirche dafür einsetzen, dass schutzsuchende Menschen in ihren individuellen Notlagen Beistand erfahren. „Es ist unsere Aufgabe, präsent zu sein – unter den Menschen, mit den Menschen, für die Menschen. Wir müssen präsent sein – gerade an Orten, die wenig Freiheit und viel Verzweiflung kennen. Wir müssen präsent sein, um Gottes Liebe zu verkünden und zu bezeugen. Und wir sollten Gott gerade dort entdecken helfen, wo unsere Bequemlichkeit seine Gegenwart nicht zulassen mag“, so Erzbischof Heße.

Grußwort des vatikanischen Migrationsbeauftragten
In seinem Grußwort erinnerte der Untersekretär der Abteilung für Migranten und Flüchtlinge im vatikanischen Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen, Pater Dr. Michael Czerny SJ, an ein wichtiges Anliegen von Papst Franziskus: „Wenn wir die Wunden der Flüchtlinge, der Vertriebenen und der Opfer des Menschenhandels heilen, setzen wir das Liebesgebot in die Tat um, das Jesus uns hinterlassen hat“. Besondere Aufmerksamkeit und Anstrengungen seien notwendig, um sicherzustellen, dass Menschen, die zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen seien, nicht ausgeschlossen oder zurückgelassen würden. „Aus katholischer Sicht sind zum Schutz von geflüchteten Menschen daher die Leitworte ‚aufnehmen, schützen, fördern, integrieren‘ für kirchliches und staatliches Handeln zentral“, so Pater Czerny. Um diese Leitworte mit Leben zu erfüllen, sei nicht zuletzt auch der Einsatz auf politischer Ebene wichtig, z. B. bei den aktuellen internationalen Verhandlungen zu den beiden Globalen Pakten (einen Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration sowie einen weiteren Pakt zu Fragen des Flüchtlingsschutzes).

Pastoraltheologische Annäherungen an das Thema
Die Wiener Pastoraltheologin Prof. Dr. Regina Polak betonte in ihrem Vortrag, dass das Leben mit und Lernen von Schutzsuchenden die Seelsorge der Kirche verändern könnten: „Mit ihnen kann die Kirche wieder zur Lerngemeinschaft im Glauben werden.“ Aufgabe von Seelsorge und Pastoral sei es, migrationstheologische Narrative zu entwickeln, die den Erfahrungen von Geflüchteten Sinn verleihen. Die Erzählungen der Heiligen Schrift verdeutlichten, „dass Gott seine Geschichte der Befreiung und Erlösung der Menschheit maßgeblich mithilfe von Outlaws vorangetrieben hat: mit Flüchtlingen, Fremdarbeitern, Exilierten, politisch Verfolgten.“ Zudem müsse Seelsorge dazu beitragen, „zwei uralte religiöse Praxisformen“ neu einzuüben: das Erinnern und das Versöhnen. „Erinnerung kann heilsam werden, wenn eine Migrationsgesellschaft lernt, auf die Geschichte und Geschichten der Anderen zu hören und das Leid der je anderen wahrzunehmen. Dies ist die Basis der Versöhnung. Erinnerung und Versöhnung werden hier eminent politisch“, so Prof. Polak, die seit September 2016 Beraterin der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz ist.

Insbesondere mit Blick auf geflüchtete Kinder und Jugendliche kritisierte Prof. Polak, dass es empörend sei, wie wenig in den aktuellen Flucht- und Migrationsdebatten die Erfahrungen und Bedürfnisse junger Menschen wahr- und ernst genommen würden. „Wir haben es hier mit einer tickenden Zeitbombe zu tun, denn psychische Verletzungen wirken sich nachhaltig aus – und das über Generationen hinweg. Migranten leiden überdurchschnittlich häufig an chronischen psychischen und physischen Krankheiten. Über die transgenerationale Weitergabe von Traumata, von Unversöhntheiten, Ressentiments und Hass dräut hier ein für den Einzelnen lebensgefährliches, für das gesellschaftliche Zusammenleben bedrohliches Szenario, das auch die nachkommenden Generationen extrem belasten kann“, so Prof. Polak. Pastoral, seelsorglich und politisch müssten hier dringend umfassende Maßnahmen getroffen werden.

Podiumsgespräch mit internationalen Perspektiven
Das anschließende Podiumsgespräch eröffnete internationale Perspektiven. Dr. Aklilu Ghirmai von der Eritreischen Gemeinde in Frankfurt und der Nationaldirektor für die Ausländerseelsorge in Deutschland, Stefan Schohe, betonten die Bedeutung der muttersprachlichen Gemeinden: Die mehr als 3,5 Millionen katholischen Ausländer würden hier eine geistliche Heimat finden. Geflüchtete Menschen seien in besonderer Weise auf seelsorgliche und psycho-soziale Unterstützung angewiesen, da sie vielfach schwer traumatisiert seien. Über Ansätze, Brücken zwischen einheimischen und muttersprachlichen Gemeinden zu bauen, berichtete Schwester Christine Kohler, zuständig für die Migrantenpastoral der Französischen Bischofskonferenz. Für beide Seiten sei es bereichernd, wenn Schutzsuchende mitteilten, welche Bedeutung ihrem Glauben angesichts von Flucht und Vertreibung zukomme. Dr. Matthias Vogt, stellvertretender Leiter der Abteilung Ausland von Missio Aachen, sprach über die Situation der Seelsorge in den Krisenregionen des Nahen und Mittleren Ostens. Viele Ordensleute und Priester seien selbst zur Flucht gezwungen worden. Den gemeinsamen Gottesdienst erlebten viele Gläubige als befreiend.

Arbeitsgruppen
Am Nachmittag tauschten sich die Teilnehmer in sieben Arbeitsgruppen über Herausforderungen und Perspektiven in verschiedenen Seelsorgefeldern aus. Dabei wurden auch Anregungen für die weitere Arbeit des Sonderbeauftragten für Flüchtlingsfragen und seines Arbeitsstabes formuliert.

Bruder Dieter Müller vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) in Süddeutschland und Karin Alt vom Katholischen Sozialdienst für Passagiere am Flughafen München berichteten von ihren Erfahrungen im schwierigen Feld der seelsorglichen Begleitung angesichts von Abschiebung. Dabei nahmen sie Bezug auf die steigende Zahl ausreisepflichtiger ausländischer Staatsangehöriger in Deutschland und den politischen Vorsatz, diese Menschen in ihre Herkunftsländer rückzuführen. Daran anknüpfend stellten sie Seelsorgeangebote für Menschen in der Abschiebehaft und im Bereich der Abschiebebeobachtung vor. Bei der anschließenden Diskussion zu aktuellen Herausforderungen wurden folgende Aspekte besonders betont:

  • Eine durchgängige seelsorgliche Begleitung sei in den sechs Abschiebehaftanstalten in Deutschland derzeit nicht gewährleistet. Deshalb müssten entsprechende Angebote ausgebaut werden. Dies gelte auch für den Bereich der Abschiebebeobachtung.
  • Zusätzlich wird die Erarbeitung kirchlicher Leitlinien für die Seelsorge in der Abschiebehaft sowie die Einrichtung eines kirchlichen Rechtshilfefonds empfohlen.
  • Geflüchtete – vor allem geflüchtete Familien – und auch ehrenamtliche Flüchtlingshelfer sollten unterstützt werden, ihren Abschied und ihre Rückkehr rechtzeitig vorzubereiten. Dabei sei auch zu prüfen, ob kirchliche Akteure bei der Reintegration im Rückkehrland unterstützend tätig sein können.
  • Kirchliche Verantwortungsträger sollten auch weiterhin Kritik an humanitär fragwürdigen Rückführungen üben. In jedem Fall sei darauf zu dringen, dass im Vorfeld jeder Rückführung gründlich geprüft werde, ob mögliche Abschiebehindernisse vorliegen.

Norbert Koschmieder, Gemeindereferent in Grevesmühlen (Mecklenburg) und Mitbegründer der Initiative „bleib.mensch“, sowie Monsignore Rainer Boeck, Diözesanbeauftragter für Flucht, Asyl und Integration im Erzbistum München und Freising, berichteten von Erfahrungen aus ihren Arbeitszusammenhängen. Neben vielen positiven Beispielen gebe es auch Kirchengemeinden, in denen ein signifikanter Teil der Gläubigen die Aufnahme von Geflüchteten kritisch bis ablehnend betrachte. Versuche, diese Menschen argumentativ zu überzeugen, würden sich als schwierig gestalten und bestehende Spaltungen teilweise sogar vertiefen. Wichtig seien pastorale Ansätze zur Überwindung von Vorbehalten und Ängsten. Dazu formulierten die Teilnehmer der Arbeitsgruppe folgende Empfehlungen:

  • Die Kirche müsse ein Forum für offene Gespräche und kritische Fragen sein, z. B. zu den praktischen Herausforderungen und Perspektiven angesichts von Migration und Integration oder den Rahmenbedingungen für das Leben in einer offenen Gesellschaft.
  • Eine wichtige Aufgabe sei es, migrationstheologische Narrative zu entwickeln, die die Bedeutung von Flucht für Kirche und Gesellschaft in der heutigen Zeit verständlich und erfahrbar machen.
  • Eine erfolgreiche Bildungsarbeit in den Gemeinden solle verunsicherte und skeptische Gläubige erreichen. Die Erfahrung zeige, dass die Beteiligung an praktischen Aktivitäten oft hilfreicher ist als theoretische Diskussionen.
  • Eine klare Position der Kirchenleitungen gegen fremdenfeindliche Parolen sei weiterhin wichtig. Auf diese Weise könne den Engagierten der Rücken gestärkt werden. Gleichwohl gelte es an den Orten, an denen die gesellschaftlichen Spannungen sehr groß sind, darauf zu achten, dass sich die Helfer nicht in Gefahr bringen.

Michael Schlosser, Pfarrer der Gemeinde St. Mariahilf in München, und Hans-Karl Krey, Leiter der Stabsabteilung Diözesanstelle Pastorale Begleitung im Erzbistum Köln, sprachen über Ansätze der seelsorglichen Unterstützung von ehren- und hauptamtlichen Engagierten in der Flüchtlingshilfe. In den Jahren 2015 und 2016 seien zunächst praktische und emotionale Unterstützungsangebote nachgefragt worden. Mittlerweile habe die Nachfrage nach geistlicher und spiritueller Begleitung an Bedeutung gewonnen. Verschiedene Seelsorgeangebote würden jedoch sehr unterschiedlich in Anspruch genommen. Im Hinblick auf zukünftige Initiativen in diesem Bereich gelangten die Teilnehmer zu folgenden Einschätzungen:

  • Bei der Konzeption von Seelsorgeangeboten müsse man die besonderen Bedürfnisse von haupt- und ehrenamtlich Engagierten in der Flüchtlingshilfe berücksichtigen. Sie seien häufig innerhalb kurzer Zeit starken Belastungen ausgesetzt, z. B. durch die Konfrontation mit Schicksalsschlägen sowie Erfahrungen von Fremdheit, Frustration und Unsicherheit. Daher sei es besonders wichtig, ein Forum des Zuhörens zu schaffen und die Engagierten selbst einzubeziehen.
  • Ein gutes Vertrauensverhältnis zu den Seelsorgern sei wichtig, damit sich Engagierte ermutigt fühlen, Einzelgespräche – auch in Glaubensfragen – in Anspruch zu nehmen. Es zeige sich, dass auch kirchenferne Menschen auf der Suche nach geistlicher Begleitung seien  und sie ihre Tätigkeit in der Flüchtlingshilfe explizit als Wiederannäherungen an den Glauben und die Kirche begreifen.
  • In der Gesellschaft und Kirche gebe es auch paternalistische Haltungen gegenüber geflüchteten Menschen. Diese drückten sich unter anderem auch im alltäglichen Sprachgebrauch aus. Seelsorge und Pastoral seien aufgerufen, diese Einstellungen und Handlungsmuster immer wieder kritisch zu reflektieren.

Andrea Domke, Leiterin der Internationalen Familienberatung, berichtete über die Ursachen, Symptome und Folgeerscheinungen von Traumatisierungen. Daran anknüpfend stellte Monika Schwenke, Abteilungsleiterin Migration/Integration des Caritasverbands Magdeburg, ein Fortbildungsangebot für haupt- und ehrenamtlich Engagierte zu „Flüchtlingsseelsorgern“ vor. Zusätzlich erläutert Anke Brumm, stellvertretende Geschäftsführerin des Malteser Hilfsdienstes im Bistum Magdeburg, das Projekt „Abschiede begleiten – Ressourcen stärken – interreligiöse Trauerbegleitung“. Bei der anschließenden Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen von seelsorgerischem Handeln wurden folgende Aspekte als richtungsweisend benannt:

  • Ehren- und hauptamtlich Engagierte der Kirche leisteten einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der seelischen und emotionalen Situation von traumatisierten Geflüchteten, indem sie ihnen sensibel zuhören und ihre Sprachfähigkeit stärken.
  • Die therapeutische Arbeit erfordere den Abbau von Sprachbarrieren und die Sicherung des Aufenthalts.
  • Aufgrund des hohen Bedarfs und mangelnder Ressourcen sei die Kooperation mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Hilfsakteuren sowie Migrantenselbstorganisationen weiterhin angeraten.

Dr. Friederike Dostal, Leiterin des Referats für Erwachsenenkatechumenat der Erzdiözese Wien, informierte über die Einrichtung des Koordinationsbüros der Österreichischen Bischofskonferenz für Katechumenat und Asyl im Januar 2016. Es sei für die Durchführung der Richtlinien der österreichischen Bischöfe zum Katechumenat von Asylbewerbern und Asylanten – insbesondere von Taufbewerbern aus islamischen Kontext – zuständig. Dazu unterstütze das Koordinationsbüro die Diözesen bei praktischen Fragen, z. B. bei der inhaltlichen Gestaltung der Katechese oder bei der Erstellung standardisierter Übersetzungen theologischer Begriffe. Zudem pflege es den Kontakt zu staatlichen Stellen, um Gefährdungssituationen und Diskriminierungserfahrungen für Konvertiten zu vermeiden. Irmgard Conin, Leiterin der Katholischen Glaubensinformation FIDES, referierte über die Begleitung von geflüchteten Taufbewerbern im Erzbistum Köln. Erfahrungen zeigten, dass es unterschiedliche Motive für den Taufwunsch gebe und nicht alle Anfragen in einer tatsächlichen Taufe mündeten. Daher sei eine Vorbereitungszeit von mindestens einem Jahr ein wichtiges Qualitätsmerkmal für das Katechumenat. Auf Anraten der Teilnehmer könne die Kirche auf folgende Weise Unterstützung leisten:

  • Derzeit fehle es vielerorts an geeigneten Materialien für die Katechese, insbesondere an verlässlichen katholischen Bibelübersetzungen. So sei man oft auf evangelische bzw. freikirchliche Übersetzungen angewiesen.
  • In den Kirchengemeinden gebe es viele Personen, die bereit seien, bei der Katechese unterstützend tätig zu werden. Diese gelte es entsprechend zu begleiten und auszubilden.
  • Gegenüber staatlichen Stellen müsse die Kirche sicherstellen, dass Konvertiten keine Diskriminierung erfahren. Nicht zuletzt müsse dafür Sorge getragen werden, dass die Kirchengemeinden geflüchtete Taufbewerber willkommen heißen und diese bei der Integration in das Gemeindeleben und die Gesellschaft unterstützen.

Dr. Johannes Oeldemann, Direktor des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn, führte in die Systematik der Kirchen des christlichen Ostens ein und differenzierte dabei nach Konfessionsfamilien, Ritusfamilien und Sprachen. Von den insgesamt 23 mit Rom unierten katholischen Ostkirchen des byzantinischen Rituskreises und der orientalischen Riten (alexandrinisch, westsyrisch, ostsyrisch und armenisch) sei derzeit die Präsenz von Gläubigen aus mindestens 12 dieser Kirchen in Deutschland sicher bekannt. Die jurisdiktionelle und pastorale Verantwortung liege bei den römisch-katholischen Diözesanbischöfen. Für viele Gläubige seien bereits eigene Seelsorger beauftragt und Gemeinderäume zur Verfügung gestellt worden. Um auf die aktuell aufkommenden Fragen pastoraler, liturgischer und (staats-)kirchenrechtlicher Art Antworten zu finden, hat die Deutsche Bischofskonferenz Weihbischof Dr. Dominicus Meier OSB (Paderborn) zum Beauftragten für die Gläubigen der mit Rom verbundenen Ostkirchen ernannt. Im Hinblick auf seine Arbeit formulierten die Teilnehmer folgende Einschätzungen:
•    Bisherige Erfahrungen aus den Diözesen zeigten, dass christlichen Flüchtlingen der muttersprachliche Gottesdienst und der ihnen vertraute Ritus wichtig sind. Bisweilen seien Wanderungen von orientalischen Katholiken zu den orthodoxen Gemeinden zu beobachten, die dem Bedürfnis nach der Feier des eigenen Ritus Heimat geben.

  • Für entsprechende katholische Seelsorgeangebote brauche es nicht zuletzt auch personelle Ressourcen. Hier solle man auch diözesanübergreifende Kooperationen ins Auge fassen.
  • Eine Seelsorgeplanung werde durch die fehlende Datenlage erschwert. Die diözesanen Meldestellen könnten derzeit keine Aussage über die Zugehörigkeit zu einer unierten Kirche und einem byzantinischen oder orientalischen Ritus treffen, da das deutsche Meldewesen nur die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche (rk) erfasse. Zudem gebe es muttersprachliche Gemeinden, deren Mitglieder zu einem großen Teil nur noch über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen.
  • Für die Zukunft der Seelsorge sei zu reflektieren, ob nicht die Aufnahme deutschsprachiger Elemente in die Gottesdienste unter Beibehaltung des Ritus auch ein Beitrag zur (beiderseitigen) Integration sein kann.

Barbara Wagner, Abteilungsleiterin im Zweckverband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder im Bistum Essen, erläuterte die pastorale Arbeit in katholischen Kitas, die von Kindern unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft besucht werden. Das katholische Profil der Einrichtung schließe die Aufgabe mit ein, den respektvollen Umgang mit Vielfalt zu erlernen. Um geflüchtete Kinder in Großunterkünften zu erreichen, habe man ein mobiles Angebot geschaffen. Zudem lade man geflüchtete Kinder als Gäste in die Kitas ein. Mit beiden Brückenangeboten habe man positive Erfahrungen gemacht, insbesondere dann, wenn muslimische Frauen in die Projekte eingebunden werden. Simon Härting SDB, Pastoralbeauftragter der Jugendhilfeeinrichtung Don Bosco Sannerz im Bistum Fulda, berichtet über die Herausforderungen bei der seelsorglichen Begleitung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Da es kaum Forschungserkenntnisse in diesem Bereich gebe, müsse man verschiedene Ansätze ausprobieren. Die Flucht habe bei den Jugendlichen in der Regel so starke Spuren hinterlassen, dass jeder Einzelfall besondere Aufmerksamkeit erfordere. Die Arbeitsgruppe gelangte zu folgenden Einschätzungen:

  • Der diakonische Ansatz der Kinder- und Jugendseelsorge, der den Menschen als Ganzes in den Blicke nehme, soll mehr Wertschätzung erfahren. Gerade im ländlichen Raum trage die Kirche mit kreativen Ansätzen und guter zivilgesellschaftlicher und ökumenischer Vernetzung zu gelingender Integration bei. Daher sei es von Bedeutung, dass die aufgebauten „Willkommensstrukturen“ als Qualitätsmerkmal katholischer Einrichtungen etabliert werden.
  • Mitarbeiter benötigten Weiterbildungen zu interkonfessionellen, interreligiösen und liturgischen Fragen, da es hier bisweilen an Wissen und Kompetenzen mangelt.
  • Damit Kinder und Jugendliche die Fluchterfahrungen verarbeiten können, brauche es ein langfristiges Engagement für diese Personengruppe. Derzeit sei jedoch eher ein Rückbau der Strukturen zu beobachten. Daher solle die pastorale Planung immer auch die langfristige Perspektive einnehmen.

Abschluss im Plenum
Abschließend dankte Erzbischof Heße den Referenten und Teilnehmern für die intensiven Beratungen zum seelsorglichen Engagement für geflüchtete Menschen. Es sei deutlich geworden, dass die Seelsorge das Proprium kirchlicher Flüchtlingshilfe ist. Zukünftig gelte es immer wieder zu fragen, ob Kirchengemeinden tatsächlich ein Forum für wertschätzende Begegnungen mit Flüchtlingen und Migranten sind. Nach wie vor sei es eine drängende Aufgabe, Vorurteile abzubauen und Brücken zu bauen. Insgesamt könne man die Migrationsbewegungen als Chance begreifen, neue „Lernorte im Glauben“ zu schaffen. Dabei gelte es stets im Blick zu behalten, dass die katholische Kirche eine Weltkirche ist. Diese starke interkulturelle Prägung sei zeichenhaft für das Leben in einer pluralen Gesellschaft.

Pressemitteilung und Statements