Empfehlungsliste 2016

Aaron Becker: Die Reise

Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2015
40 Seiten, ISBN 978-3-8369-5784-7, € 14,95, Für alle

Manchmal, wenn niemand Zeit hat und man für andere unsichtbar zu sein scheint, kommt einem das Leben öd und langweilig vor. Ein kleines Mädchen findet ihren ganz persönlichen Ausweg aus dieser lähmenden Tristesse. Mit roter Zauberkreide malt sie eine Tür auf die Kinderzimmerwand und öffnet so den Weg in eine magische Welt. Der rote Stift wird zum hilfreichen Reisebegleiter der abenteuerlustigen Kleinen, die sich immer dann, wenn sie auf Hindernisse stößt, mit schnellen Strichen ein geeignetes Fortbewegungsmittel zeichnet. Per Boot und Fesselballon begibt sie sich auf eine spannende Entdeckungsreise und bekommt sogar die Gelegenheit, eine aktive Rolle in dieser zu übernehmen. Das bildmächtige Traumbuch, das ganz ohne Text auskommt, erzählt von der Imaginationskraft kindlicher Phantasie. Die differenzierte Symbolsprache ermöglicht einen Erkenntnisprozess, der auch Verborgenes sichtbar macht und zeigt, dass der Weg zur Freundschaft manchmal einen Umweg nimmt. Denn der lila Vogel, der sie durch die magische Welt begleitet, gehört zu einem Jungen, den das Mädchen in der realen Welt bisher übersehen hat. So hat ihrer beider Einsamkeit ein Ende und die nächste Phantasiereise kann zu zweit angetreten werden. 

 


Mikael Engström: Kaspar, Opa und der Monsterhecht

dtv Verlag, Reihe Hanser, München, 2015
Übersetzt von Brigitta Kicherer
Illustration von Peter Schössow

192 Seiten, ISBN 978-3-423-64014-5, € 10,95, Ab 9 Jahre und zum Vorlesen

Weil seine Eltern beruflich in der ganzen Welt unterwegs sind, lebt Kaspar bei seinem Großvater in einem schwedischen Dorf. Der Junge liebt den eigenwilligen alten Mann, der für ihn in allen Lebensfragen die wichtigste moralische Instanz ist. Weil sich beim sommerlichen Angelwettbewerb niemand an faire Regeln hält, verlegt sich auch Kaspars angelbegeisterter Großvater immer mehr aufs Tricksen. Kaspar, der das Leben sehr ernst nimmt und der es sich nie einfach macht, wenn es um ethische Fragestellungen geht, ist ziemlich verzweifelt, dass ausgerechnet der geliebte Großvater schwindelt und damit von den Guten zu den Bösen wechselt. Um das zu verhindern, fasst Kaspar einen verwegenen Plan. Er wird um Opas unsterbliche Seele kämpfen und muss es einfach schaffen, selbst den größten Fisch zu angeln. In diesem aufregenden Sommer erfährt Kaspar am eigenen Leib, dass man es sich mit der Frage nach Gut und Böse nicht zu leicht machen darf. Die im schwedischen Original schon ein wenig ältere, leichtfüßige Sommergeschichte zeigt, dass die ernsthafte Auseinandersetzung mit zentralen religiösen Lebensfragen zeitlos ist. Die schrullige Verhaltensweisen und Weltsichten der liebevoll gezeichneten Charaktere nehmen kindliche Vorstellungen wunderbar auf. 

 


Tor Fretheim: Die Stille nach Nina Simone

mixtvision Verlag, München, 2015
Übersetzt von Maike Dörries
128 Seiten, ISBN 978-3-95854-031-6, € 12,90, Ab 14 Jahre

Vier Stunden hat der 18-jährige Simon Zeit, um sich auf das vorzubereiten, was ihn am Ziel seiner Zugfahrt erwartet. Dabei erinnert er sich an die Musik der amerikanischen Jazzsängerin Nina Simone, die in seinem Zuhause allgegenwärtig war und oft genug überlaut durch die verschlossene Tür des Elternschlafzimmers schallte. Schon lange ahnte Simon, was er aus Liebe zu beiden Eltern nicht wahrhaben wollte. Sein ihm gegenüber stets liebevoller und fürsorglicher Vater misshandelte die Mutter, die nie die Kraft fand, aus dem Teufelskreis von Gewalt und Vertuschung auszubrechen. Nun ist die Mutter tot, der Vater steht unter Mordverdacht. Auf dem Weg zu einem Gefängnisbesuch ringt Simon mit seinen Erinnerungen und versucht, sich dem innerlichen Gefühlschaos zu stellen. Trifft ihn eine Mitschuld am Martyrium der Mutter? Kann und darf er dem Vater irgendwann verzeihen? Wo findet er die Kraft, auf den Trümmern des alten Lebens seine Zukunft zu gestalten? Der auf knappe Sätze verdichtete Roman nähert sich dem schwierigen Thema auf sehr sensible Weise. Der präzise und distanziert formulierte Text spiegelt Simons verzweifeltes Ringen um den richtigen Umgang mit existentiellen Fragen von Schuld und Vergebung eindringlich wider.

 


Ingrid Godon, Toon Tellegen: Ich denke

mixtvision Verlag, München, 2015
Übersetzt von Birgit Erdmann
Porträts von Ingrid Godon, Texte von Toon Tellegen

96 Seiten, ISBN 978-3-95854-030-9, € 29,90, Ab 14 Jahre und für alle

Denken macht den Menschen erst zum Menschen: es ist Würde und Bürde, denn der Mensch kann und muss sich immer neu be-denken. Das Denken hat keinen Anfang und kein Ende, ist mal zielgerichtet, mal richtungslos. Gedanken können frei machen, aber auch zwanghaft sein und Angst erzeugen. Denken ist schöpferisch und weist damit über den Denkenden hinaus. In kurzen Texten wird dem Denken nachgespürt und dazu eingeladen, sich an eigene Vorstellungen und Ideen zu erinnern und Neues zu erproben. Die Bilder zu den pointiert formulierten Gedanken, Gefühlen und Einsichten sind Momentaufnahmen, wie beiläufig gezeichnete Ansichten von Menschengruppen oder sorgfältig ausformulierte Portraits. Im Zusammenspiel mit der akzentuiert eingesetzten Farbe Rot schaffen die weichen Linien und Flächen individuelle, ungeschönte und lebensnahe Figuren, die an Charakterstudien eines künstlerischen Skizzenbuchs erinnern. Die zum Teil transparenten Seiten machen die Vielschichtigkeit von Denkprozessen konkret sichtbar. Im Miteinander von verdichteter Sprache und eigenwilliger Bildlichkeit werden Weite und Tiefe des Denkens ausgelotet und sinnlich erfahrbar gemacht. Ein künstlerisches Angebot, sich auf die philosophischen Dimensionen des Menschseins einzulassen.

 


Stefanie Harjes, Marjaleena Lembcke: Der Bus mit den eckigen Rädern

Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, Ravensburg, 2015
Illustration von Stefanie Harjes, Text von Marjaleena Lembcke

32 Seiten, ISBN 978-3-473-44663-6, € 15,99, Ab 5 Jahre

Der Bus mit den eckigen Rädern entspricht mit seinem folgenschweren Produktionsfehler nicht der Norm und wird ausgemustert. Niedergeschlagen macht er sich auf den Weg, um vielleicht doch noch seine Bestimmung zu finden. Unterwegs sammelt er ganz unterschiedliche Menschen auf, die alle an einem Wendepunkt ihres Lebens stehen: alte Menschen, die vom Leben nicht mehr viel erwarten, junge Leute auf der Suche nach Abwechslung und Abenteuer, einen Pfarrer, der keine Aufgabe mehr hat und ein zerstrittenes Paar. Die gemeinsame Reise erweist sich für jeden Passagier als heilsame Erfahrung, denn alle finden im Bus Geborgenheit und das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören. Nach und nach leert sich der Bus wieder, denn jeder steigt aus, wenn er an seinem persönlichen Ziel angekommen ist. Doch die ungewöhnliche Tour ist an niemandem spurlos vorbeigegangen. Auch der Bus hat sich verwandelt, denn seine Räder laufen plötzlich rund. In den spannend inszenierten Collagen mit ihren mal wild, mal traumhaft filigran wirkenden Impressionen werden die Emotionen der Menschen lebendig und begreifbar. Die vielschichtig-assoziativen Bildkompositionen erzählen davon, wie sich Einsamkeit und Isolation in gelassene Zufriedenheit und ausgelassenes Glück verwandeln.

 


Sarah N. Harvey: Drei kleine Wörter

dtv Verlag, Reihe Hanser, München, 2015
Übersetzt von Ulli und Herbert Günther

260 Seiten, ISBN 978-3-423-65014-4, € 13,95, Ab 12 Jahre

Der 16-jährige Sid ist bei Pflegeeltern aufgewachsen, bei denen er eine geborgene Kindheit verlebt hat. Seine psychisch labile Mutter hat er in all den Jahren nie vermisst. Der sensible, eher stille Junge beobachtet die Menschen genau und bekommt immer wieder mit, wieviel Elend manche Kinder ertragen müssen. Durch sein Zeichentalent findet er einen behutsamen Zugang zu einem schwer traumatisierten kleinen Mädchen, das erst seit kurzem als Pflegekind in seiner Familie wohnt. Sids gewohntes Leben endet jäh, als er erfährt, dass seine leibliche Mutter und ein ihm völlig unbekannter Halbbruder spurlos verschwunden sind. Als er aus Pflichtgefühl bei der Suche hilft, lernt er nicht nur seine lebenskluge Großmutter und den aggressiven Bruder Wain kennen, sondern ist auch gezwungen, sich zum ersten Mal ernsthaft mit seiner Mutter auseinanderzusetzen. „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ – diese biblische Frage wird zu einem tragenden Motiv des vielschichtigen und doch humorvollen Romans, der von familiärer Überforderung, Schuld und erlittenem Unrecht genauso erzählt wie von Geduld und menschlicher Zuwendung. Dabei zeigt sich, dass Familie – auch jenseits gängiger Konstellationen – dort stattfindet, wo die drei kleinen Wörter gelebt werden.

 


Heinz Janisch, Brigitta Heiskel: Der rote Mantel – Die Geschichte vom heiligen Martin

Tyrolia Verlag, Innsbruck-Wien, 2015
Illustration von Birgitta Heiskel

26 Seiten, ISBN 978-3-7022-3489-8, € 14,95, Ab 5 Jahre

Die bekannteste Geschichte aus den Leben des Heiligen Martin erzählt vom Soldaten, der seinen Mantel mit einem Bettler teilt. Ähnlich wie dem armen Mann in der Legende ergeht es dem Jungen Amir, der zusammen mit seinem Vater in einer Flüchtlingsunterkunft Aufnahme gefunden hat. Sein einziger Besitz ist die halbe rote Decke, die ein Fremder ihm bei der Ankunft geschenkt hat. Als Amir einer Frau von dieser freundlichen Geste berichtet, erzählt sie ihm vom Leben des Martin von Tours und vom Brauch des Laternenumzugs, der in Erinnerung an den Heiligen auch nach vielen hundert Jahren noch lebendig ist. Martins unvoreingenommene Barmherzigkeit gegenüber einem Fremden erscheint im Zeitalter der großen Flüchtlingsströme so aktuell wie lange nicht. Die uralte Legende wird durch ihre Spiegelung im aktuellen Flüchtlingsschicksal für heutige Kinder lebendig und zeigt, dass Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Menschlichkeit immer die wichtigste Basis für gelingendes Miteinander sind. Rot markierte Textpassagen und die farbliche Akzentuierung des roten Mantels in den aufs Wesentliche reduzierten Bleistiftzeichnungen machen die universelle Bedeutung von Martins Botschaft sichtbar. 

 


Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar

Carlsen Verlag, Hamburg, 2015
graphic novel Autor und Illustrator: Reinhard Kleist

152 Seiten, ISBN 978-3-551-73639-0, € 17,90, Ab 13 Jahre und für alle

Reinhard Kleist gestaltet auf eindringliche Weise eine Biografie im Comic-Format und fordert damit Mitgefühl und christliche Handlungsnotwendigkeit heraus. Er wählt das authentische Schicksal eines somalischen Mädchens, das auf der Flucht umgekommen ist – Samia Yusuf Omar. Zunächst von ihr selbst erzählt, wechselt die Geschichte im Verlauf in ein Nachrichtenformat und zeigt den somalischen Leichtathletikweltmeister Abdi Bile, der vom Tod der jungen Samia berichtet. Wie Bile war sie Läuferin und hat an den Olympischen Spielen teilgenommen. Als Außenseiterin ist sie in Peking mit größtmöglichem Zeitabstand zu allen anderen ins Ziel gegangen. In ihrem Antreten lag der Kern der Hoffnung auf ein erfülltes Leben.

In Somalia tobt jedoch ein radikaler Bürgerkrieg und die Träume der jungen Frau kommen rasch an Grenzen: In mit schwarzem Tuschestift gezeichneten Comicbildern (Panels) fallen Schatten auf die Gesichter der Figuren und beengen deren Handlungsräume. Indem in der Architektur der einzelnen Seiten das Aneinanderstellen dieser gerahmten Panels immer wieder durchbrochen wird, scheinen sich die Figuren Freiräume zu schaffen, stoßen jedoch stets an die Grenzen des Raumes und damit an die Grenzen ihrer Möglichkeiten.

Kleist verdeutlicht die Bedrohung durch die militante islamistische Al-Shabaab-Bewegung und wie zwingend Samias Aufbruch ist. Angst und Gewaltakte werden in der plastischen Mimik der Gesichter verdichtet, Samias Einsamkeit und Verzweiflung in den vielfach entleerten Szenerien einzelner Panels sichtbar. Die genutzte Schwarz-Weiß-Technik sorgt dabei für das Gefühl, dass es letztlich kein Entkommen gibt – für Samia ebenso wenig, wie für den Betrachter. Letztlich bleibt Samia nur die Hoffnung auf einen Zieleinlauf in einen paradiesischen Urzustand. Gerade in diesem Schlussbild verfestigt sich die Mahnung an unser christlich verantwortetes Handeln.

 


Agnès de Lestrade, Valeria Docampo: Der Bär und das Wörterglitzern

mixtvision Verlag, München, 2015
Übersetzt von Anna Taube
llustration von Valeria Docampo, Text von Agnès de Lestrade

40 Seiten, ISBN 978-3-95854-026-2, € 14,90, Für alle

Wenn man sich die Zeit nimmt, die Dinge genau zu betrachten, lassen sich ganz an ihrem Rand außerordentliche Entdeckungen machen: glitzernde Eiszapfen, rieselnder Sand am Meer, vage Erinnerungen an Träume, Ideen, die aus der Langeweile entstehen, Stille, Kummer und Tränen, aber auch die Neugier und die Vorfreude auf unbekannte Abenteuer. Mit allen Sinnen lässt sich der blaue Bär von seinen Beobachtungen und Empfindungen anrühren und erfindet ganz neue Begriffe, um davon erzählen zu können. Auf seiner Reise zu den eigenen Grenzen bleibt er nicht für immer allein. Zu dem Ich gesellt sich ein Du, und gemeinsam fällt es leicht, über den eigenen Horizont hinauszusehen und sich auf Unbekanntes einzulassen. Auf stille Art wird Sprache lebendig und zeigt sich in ihrer buchstäblichen Vielfalt auch durch die Tatsache, dass das Bilderbuch immer wieder zwischen Hoch- und Querformat wechselt. Die vielen unverbrauchten Wortneuschöpfungen bieten dem Betrachter einen ungewohnten Zugang zu schwer benennbaren Gefühlen und Erfahrungen und haben die Kraft, diese Emotionen erlebbar zu machen. Das farbintensive Spiel mit ungewohnten Perspektiven und der Zauber der poetischen Illustrationen begleiten die wirkmächtigen Sprachbilder und laden zum Wörterträumen ein.

 


Hayfa Al Mansour: Das Mädchen Wadjda

cbt Verlag, München, 2015
Übersetzt von Catrin Frischer

304 Seiten, ISBN 978-3-570-16378-8, € 12,99, Ab 10 Jahre

Seit sie das grüne Fahrrad vor dem Laden des Händlers gesehen hat, träumt die 10-jährige Wadjda davon, mit ihm ihre Heimatstadt Riad zu erkunden und sich Wettrennen mit ihrem Freund Abdullah zu liefern. Dass Fahrradfahren für Mädchen in Saudi Arabien verboten ist, hält die eigensinnige Kleine nicht davon ab, unbeirrt an der Erfüllung ihres Traums zu arbeiten. Die Teilnahme an einem gut dotierten Koran-Zitierwettbewerb könnte das benötigte Geld bringen und gleichzeitig auch ihr schlechtes Verhältnis zur streng konservativen Schulleiterin verbessern. Auch wenn Wadjda über die Verwendung des Gewinns nicht selbständig entscheiden darf, wird ihr unbeirrbarer Glaube an das eigentlich Unmögliche am Ende belohnt. Wie der gleichnamige Film bietet das Kinderbuch der saudischen Autorin einen authentischen Einblick in den Alltag der Frauen in Saudi-Arabien. Ohne Vorurteile zu schüren, aber auch ohne jede Beschönigung erzählt Al Mansour von der schwierigen Balance zwischen Anpassung und dem Wunsch nach persönlicher Freiheit, die gegen die strengen traditionellen Verhaltensregeln immer wieder neu erkämpft werden muss. Das grüne Fahrrad wird zum hoffnungsvollen Symbol einer Veränderung, die islamische Tradition und moderne Menschenrechtsvorstellungen versöhnt. 

 


Rainer Oberthür: Das Buch vom Anfang von Allem – Bibel, Naturwissenschaft und das Geheimnis unseres Universums

Kösel Verlag, München, 2015
In der Verlagsgruppe Random House GmbH

112 Seiten, ISBN 978-3-466-37127-3, € 17,99, Für alle

Wie ist unsere Welt entstanden? Dieses Buch erzählt vom Anfang der Welt auf zweierlei Weise: Die naturwissenschaftliche Entstehungsgeschichte berichtet vom Urknall und der Bildung von Sternen und Galaxien, von der Entwicklung des Lebens auf der Erde, von der Vielfalt der Pflanzen und Tiere und von der Entstehung des vernunftbegabten Menschen, der über sich selbst nachdenken und sein Dasein hinterfragen kann. Der biblische Schöpfungsbericht erzählt dagegen von Gott und seinem Wirken in der Welt. Die parallele Erzählweise von wissenschaftlicher Erkenntnis und Glaubenszeugnis ist durch die farblich unterschiedliche Darstellungsweise überzeugend gelungen. In einer Hybridform von naturwissenschaftlichem und religiösem Sachbuch wird ein spannender Dialog zwischen Gegensätzen und Gemeinsamkeiten beider Perspektiven gezeigt. Auf anschauliche Weise wird damit das „Was“ der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse mit der Neugier auf Fragen nach dem „Warum“ – nach dem Sinn des Lebens – verbunden. Die am Ende des Buches kommentierte Auswahl von Illustrationen aus den unterschiedlichen Kontexten und die grafische Gestaltung der durch farbige Linien verbundenen zwei Weltsichten begleiten den poetischen Text und ermöglichen ein Leseerlebnis mit allen Sinnen.

 


Dirk Reinhardt: Train Kids

Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2015
320 Seiten, ISBN 978-3-8369-5800-4, € 14,95, Ab 14 Jahre

Mit 15 beschließt Miguel, dessen Mutter wie viele andere Südamerikaner illegal in den USA arbeitet, sich auf eigene Faust zu ihr durchzuschlagen. Unterwegs trifft er andere Jugendliche mit dem gleichen Ziel. Gemeinsam machen sie sich auf eine lebensgefährliche Reise, die sie quer durch ganz Mexiko führt und die nicht alle von ihnen ans ersehnte Ziel bringen wird. Als blinde Passagiere auf überfüllten Güterzügen unterwegs, leiden die Jugendlichen nicht nur an Kälte, Hitze, Hunger und Durst, sondern sind als Illegale skrupellosen Banditen und korrupten Polizisten schutzlos ausgeliefert. Die gemeinsam durchlittenen Schrecken lassen die jungen Migranten zusammenwachsen, die sich durch ihr solidarisches Miteinander die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bewahren. Auch wenn sie eher selten Hilfe erfahren, treffen sie unterwegs doch auf Menschen wie den Padre, der ihnen für eine Nacht in seiner Kirche Asyl gewährt – denn: Was du dem Geringsten meiner Brüder oder Schwestern getan hast, das hast du auch mir getan. Der Autor hat die Hintergründe der südamerikanischen „Train Kids“ vor Ort recherchiert und macht daraus eine eindringliche Geschichte über das Schicksal junger Menschen, die unterwegs sich selbst überlassen sind und buchstäblich um ihr Leben kämpfen. 

 


Katherine Rundell: Sophie auf den Dächern

Carlsen Verlag, Hamburg, 2015
Übersetzt von Henning Ahrens

256 Seiten, ISBN 978-3-551-58319-2, € 14,99, Ab 12 Jahre

Sophies Mutter gilt als tot, ertrunken bei einem Schiffsunglück auf dem Ärmelkanal. Seitdem lebt Sophie bei dem unkonventionellen Eigenbrötler Charles, der sie aus einem schwimmenden Cellokasten gerettet hat. Unter seiner liebevollen Obhut wächst sie zu einem eigenwilligen und lebensbejahenden Menschen heran. Weil Charles ihr beigebracht hat, man dürfe das Unmögliche denken, ist sie fest davon überzeugt, dass ihre Mutter noch lebt, deren wunderschönes Cellospiel zu ihren wichtigsten Erinnerungen gehört. Eine vage Spur führt die beiden nach Paris. Während die Behörden jede Anfrage nach dem Verbleib der Mutter als unglaubwürdig abweisen, ist der geheimnisvolle Matteo, der wie viele andere obdachlose Kinder auf den Dächern der Stadt wohnt, gerne bereit, Sophie bei ihrer hoffnungsvollen Suche zu helfen. Und tatsächlich: irgendwann hört Sophie eine vertraute Melodie. Was diesen anrührend und mit feinem Humor geschriebenen Roman so besonders macht, ist nicht nur die geheimnisumwitterte Herkunft der Heldin und der interessante Schauplatz hoch über Paris, sondern vor allem die Kunst der Autorin, lebendige, liebenswerte und ganz und gar ungewöhnliche Charaktere zu erfinden, die glaubwürdig für Achtsamkeit, Lebensmut und Nächstenliebe stehen.

 


Erna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch

Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 2015
Übersetzt von Rolf Erdorf

183 Seiten, ISBN 978-3-7725-2861-3, € 17,90, Ab 14 Jahre

Auch fünf Jahre nach dem Selbstmord seiner psychisch kranken Mutter hat der inzwischen 16-jährige Boudewijn keinen Weg gefunden, aus seiner tiefen Verstörung herauszufinden. Nur widerwillig akzeptiert er die Aufforderung des Vaters, seine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben und gleichzeitig ausgewählte Musikstücke anzuhören. Die Notizen zeigen einen verstörten Jungen, der es der Mutter nicht verzeihen kann, dass sie ihn und seine Familie allein gelassen hat. Die Erfahrung, seine wahren Gefühle endlich in Worte fassen zu können, hat ebenso kathartische Wirkung wie die Musik von Pergolesis Stabat Mater, die er wieder und wieder hört. Plötzlich erinnert er sich an die vielen Lichtblicke in seinem Leben: an die Freundin, die ihn nicht aufgibt und an den Vater, der ihm die Kraft zur Genesung zutraut. Vor allem aber an die kleine Schwester, die ihn bedingungslos liebt und in deren Nähe er in seinen schwärzesten Stunden Halt findet. Als er nach drei Monaten die letzte Seite des Tagebuchs beschreibt, hat er seiner Mutter verziehen und findet dadurch zurück ins Leben. Die knappe Tagebuchform gewährt einen direkten Zugang zur Gefühlswelt des Protagonisten und vermittelt auf sehr gelungene Weise die heilende Wirkung von Sprache und Musik.

 


Anna Woltz: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

Carlsen Verlag, Hamburg, 2015
Übersetzt von Andrea Kluitmann
Illustration von Regina Kehn

176 Seiten, ISBN 978-3-551-55099-6, € 10,99, Ab 9 Jahre

Samuel (11), klein für sein Alter, ein bisschen introvertiert und immer bereit, auch schwierigen Fragen auf den Grund zu gehen, lernt im Urlaub die selbstbewusste Tess kennen, die eigentlich in allem das genaue Gegenteil von ihm ist. Und während Samuel noch ernsthaft und ziemlich theoretisch über den Sinn des Daseins nachgrübelt, ist er zusammen mit seiner neuen Freundin schon längst Teil einer aufregenden Mission und mittendrin im wirklichen Leben. Tess, die bei ihrer alleinerziehenden Mutter wohnt, hat im Internet ihren Vater gefunden und einen verrückten Plan entwickelt, wie sie ihn für einen Ferienaufenthalt auf die Insel locken und näher kennenlernen kann. Was als unverbindlicher Vatertest geplant war, entwickelt sehr schnell eine ganz eigene Dynamik. Die warmherzige Sommergeschichte lässt viel Raum für Zwischentöne und bietet jede Menge Stoff zum Nachdenken über existentielle Fragen. Wer bin ich und wie will ich sein? Ist es wichtig, mit anderen Menschen in Beziehung zu stehen? Was bedeutet es, eine Familie zu sein, was macht einen Vater wirklich aus? Die ein wenig vorwitzige und doch hintersinnig illustrierte Geschichte überzeugt durch ihre Leichtigkeit genauso wie durch ihre Ernsthaftigkeit im Umgang mit kindlichen Lebensfragen.

Alle Rechte vorbehalten © 2016 Deutsche Bischofskonferenz

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz | DBK.de | pressestelle(at)dbk.de | Kaiserstrasse 161 | 53113 Bonn | Telefon: 0228 103-214 | Fax: 0228 103-254