| Pressemeldung | Nr. 039

Predigt von Erzbischof Stephan Burger (Freiburg)

Eucharistiefeier zur Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 5. März 2020 in Mainz

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

es liest sich so leicht: „Bittet, dann wird euch gegeben, sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet.“

Die verschiedenen Probleme, die wir derzeit in unserer Kirche haben, die Prozesse, die angestoßen worden sind – bis hin zu den gegensätzlichen theologischen wie auch ganz praktischen Umsetzungsvorstellungen - scheinen die Bitte Jesu ins Absonderliche zu führen. Denn beten wir nicht alle darum, dass sich all diese Probleme lösen lassen, dass der Herr uns doch klar zu erkennen geben sollte, was er von uns will? Beten wir nicht darum, dass sich unsere je eigenen Wünsche und Vorstellungen, ja unsere angedachten Lösungsmodelle erfüllen mögen? Aber auf wen sollte sich Gott nun einlassen? Wem sollte er Gehör schenken und welche Bitten und Forderungen umsetzen? Bringen wir Gott oder nicht vielmehr uns selbst in die Bredouille? Und um was haben Menschen nicht schon alles gebetet. Bei existentiellen Bitten um Leib und Leben angefangen, ohne die Sorge um den Wohlstand und die Erhöhung von Gewinnchancen bei Sport und Spiel auszuschließen.

„Bittet, dann wird euch gegeben.“ Wir alle kennen zur Genüge die Bitten, die auch nicht erhört worden sind. Da sterben Menschen, für die wir intensiv gebetet haben, geschehen Unfälle trotz des Reisesegens. Da wollen Schmerzen und Umstände sich nicht verändern, obwohl wir unsere Peiniger oder Kritiker doch schon ins Gebet hineingenommen haben.

„Bittet, dann wird euch gegeben.“ Woran liegt es nun, dass diese Aufforderung Jesu so augenscheinlich nicht bzw. nicht immer oder bei manchen nur in seltenen Fällen funktioniert, entgegen der klaren Ansage, dass gegeben wird? Nicht anders verhält es sich ja mit dem Suchen und Finden! Allzu vieles wurde eben nicht gefunden. Nicht wenige Menschen bleiben verschwunden, im Krieg, bei Umweltkatastrophen! „Sucht, dann werdet ihr finden“? Und schon seit Kindertagen und als Jugendlicher, als ich als Sternsinger unterwegs war, machte ich die Erfahrung, dass beim Anklopfen nicht geöffnet wird, sondern man auch mit Wut und Ärger von der Türe abwiesen werden konnte.

„Klopft an, dann wird euch geöffnet“? Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Zusage Jesu – oder sagen wir besser, aufgrund unserer erlebten Erfahrung – dieser zu hinterfragenden Behauptung, mag im letzten Satz des Tagesevangeliums liegen: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Und das setzt voraus, sein eigenes Wünschen und Wollen zu reflektieren. Geht es mir bei dem, was ich will, wirklich auch um das Wohl der anderen? Oder geht es um meinen eigenen Vorteil? Geht es ums Rechthaben, ums Durchsetzungsvermögen oder geht es um den Willen dessen, in dessen Namen wir unterwegs sind, verpflichtet auf sein Evangelium? Das Gebet der Königin Esther macht deutlich, was es heißt, sich ganz und gar auf Gott zu verlassen, ihm zu vertrauen. Sie hat keine Sicherheiten. Sie hat nur noch Gott. In seine Hände legt sie das Schicksal ihres Volkes und ihr eigenes. Mehr kann sie nicht tun. Und sich daran zu erinnern, dass auch wir uns einmal ganz Gott verschrieben haben, sei es mit der Taufe, sei es im Empfang der weiteren Sakramente, in denen sich Gottesbegegnung immer wieder neu ereignet – wir müssen dies nur realisieren wollen –, ist ein wesentlicher Ansatz dafür, sich selbst zurückzunehmen, um für seinen Willen, für sein Handeln und Wirken an uns neu offen zu werden. Nicht unsere Maßstäbe sind es, die wir unserem Leben zugrunde legen dürfen. Nicht unsere eigenen Vorstellungen sind das Maß aller Dinge, sondern allein die Maßstäbe Gottes. Und das heißt vor allem, anzuerkennen, dass er nicht dafür da ist, es einem jeden von uns recht zu machen, damit wir zufrieden sind.

Vielmehr gilt es, anzuerkennen, dass er für uns da ist, in jeder Lebenslage, so wie wir für ihn da sein sollten und das heißt auch, für die Menschen, die unserer Hilfe und Unterstützung bedürfen. Für jene Menschen, die verzweifelt bitten, suchen und anklopfen. Eine Erfahrung, die ich bei meinen Reisen für Misereor und Caritas immer wieder machen darf, zuletzt im Libanon, in diesem politisch und gesellschaftlich so zerrissenen und aufgewühlten Land. Diese Erfahrung mache ich aber nicht nur dort. Wir alle erfahren und erleben dies auf vielfältige Weise bei unserer pastoralen Arbeit. Mit den uns anvertrauten Menschen gemeinsam bitten, suchen und anklopfen, um zu erkennen, was der Wille Gottes ist. Das heißt auch nicht, dass Gott deswegen einfach die Wünsche der anderen erfüllt. Es heißt vielmehr, sich mehr und mehr in das Geheimnis Gottes hinein zu vertiefen, sich dafür zu öffnen, was seinem Wesen entspricht. Und zu seinem Wesen stehen alle allzu menschlichen und oft so oberflächlichen Forderungen konträr. Nicht dass er nicht darum wüsste, das sehr wohl. Er kennt die Begehrlichkeiten des menschlichen Herzens, die Egoismen und unsere Abhängigkeiten. Sich in sein Wesen hinein zu vertiefen, verlangt jedoch unsere Hingabe an ihn. Das Zurückstellen der eigenen Befindlichkeiten, damit er sich in unserem Leben zeigen kann, damit er sichtbar und erfahrbar wird, und das nicht in erster Linie zum eigenen Nutzen, sondern vor allem für andere. Bitten, suchen, anklopfen für andere und das alles aufgrund seines Wesens der Liebe, die Gott selber ist.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, wenn es uns wirklich bei all unserem Tun und Lassen um diese Liebe geht, um Christus, die menschgewordene Liebe, wenn es somit um das geht, was Christus gelebt und gewirkt hat, wenn es uns um Gott und den Menschen geht, um dessen Heil, dann erfüllen wir als Kirche seinen Auftrag, dann können wir unseren Weg in die Zukunft gehen, unabhängig aller prognostizierten Statistiken, unabhängig aller vorhergesagten Untergangszenarien, die uns da und dort als Kirche prophezeit werden.

Dann können wir unseren Weg in die Zukunft gehen, weil dann die Kirche den von Jesus Christus empfangenen Schatz, den wir in irdenen, in zerbrechlichen Gefäßen tragen, bewahren wird. Weil dann seine Kirche in der Liebe bleiben wird, die er zu leben uns aufgetragen hat. In diesem Sinne dürfen wir bitten, suchen und anklopfen. In diesem Sinne hat er selbst seinen Vater gebeten, hat er gesucht und angeklopft. In diesem Sinne feiern wir jetzt, was er uns aufgetragen hat. Denn mit dieser Feier dürfen wir ihn bitten, dürfen wir ihn suchen und bei ihm anklopfen. Und er will uns in dieser Feier geben, was er versprochen hat: sich selbst. Er lässt sich finden in seinem Wort, im Opfer seiner Lebenshingabe am Kreuz für uns. Und wer bei ihm anklopft, dem wird die Tür zum Mahl der Liebe geöffnet.