| Pressemeldung | Nr. 070

Weihbischof Dr. Reinhard Hauke zur Corona-Pandemie

„Hospiz- und Palliativversorgung unverzichtbar“

Die „Woche für das Leben“ der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland, die am kommenden Samstag in Augsburg eröffnet worden wäre, wird in diesem Jahr zum ersten Mal in ihrer über 25-jährigen Geschichte nicht stattfinden. Als Thema war die Hospiz- und Palliativversorgung gewählt worden. Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Diakonische Pastoral“ der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz, Weihbischof Dr. Reinhard Hauke (Erfurt), betont in einer Erklärung, dass gerade angesichts der Corona-Pandemie die Hospiz- und Palliativversorgung unverzichtbar ist. Die Erklärung im Wortlaut:

„Die Infektionen mit dem Coronavirus, seine schweren Verläufe und seine dramatischen Folgen führen uns einmal mehr vor Augen, wie verwundbar der Mensch ist. Jeder erlebt sich selbst als schutzbedürftig und begegnet der Fragilität seines Daseins. Alte und vorerkrankte Menschen trifft es besonders hart. Dieser Ausnahmezustand fordert unsere Solidarität und Rücksichtnahme in bisher ungekannter Weise heraus. Ärzte, Pflegende und Seelsorgende begeben sich oft selbst in Gefahr, um anderen zu helfen und verdienen ein hohes Maß an Anerkennung und Dank. Als Gesellschaft können wir aus dieser Situation nur gestärkt hervorgehen, wenn wir das Leben neu zu sehen lernen als das, was es ist: eine kostbare Gabe Gottes, die es gerade in ihrer Zerbrechlichkeit zu schützen gilt.

In einem harten Gegensatz dazu steht, dass das Bundesverfassungsgericht am 26. Februar 2020 den Paragraphen 217 des Strafgesetzbuches, das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung, aufgehoben hat. Die deutschen Bischöfe sind diesem Urteil mit großer Sorge begegnet. Das Urteil stellt sich gegen eine Mehrheitsentscheidung des Deutschen Bundestages von 2015, der eine ernsthafte gesellschaftliche Debatte vorausgegangen war. Das Urteil ist nicht mit dem christlichen Verständnis eines durch Gott geschenkten Lebens, das der Mensch vor Gott verantwortet, vereinbar, da es die Selbstbestimmung über das Ende des Lebens als absolut setzt. Eine Normalisierung der Angebote der Selbsttötung kann mitunter alte und kranke Menschen dem Druck einer Gesellschaft aussetzen, die das menschliche Leben immer mehr an seiner Leistungsfähigkeit und seinem Nutzen bemisst. Wenn der Eindruck erweckt wird, dass die Selbsttötung ein gesellschaftlich akzeptierter Weg aus einer Krankheits- oder Leidenssituation sei, ist die Menschenwürde auf fundamentale Weise bedroht.

Zwar wird niemand bezweifeln, dass es Verläufe einer Krankheit gibt, in denen Menschen zu verzweifeln drohen. Diese Menschen brauchen auf besondere Weise unsere Fürsorge, Unterstützung und Begleitung. Die menschenwürdige und wirksame Antwort auf solche Situationen liegt daher darin, den leidenden Menschen nicht allein zu lassen und ihn zu ‚umsorgen‘, wie es die Hospiz- und Palliativversorgung auf vielfältige Weise ermöglicht. Christen und Nichtchristen sorgen sich in Krankenhäusern und zu Hause um Sterbende. Sie opfern Zeit und Kraft, um Angehörigen oder auch bisher Fremden zu helfen, ihre Situation anzunehmen und darin einen Sinn zu erkennen. Das Dabeibleiben, Zuhören und auch das Gebet mit (gläubigen) Patienten lindern die Ängste und die Not der Einsamkeit in den Abschiedsstunden.

Die Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz erarbeitet derzeit ein Grundlagenpapier zur palliativen und seelsorglichen Begleitung Sterbender. All jene sollen darin unterstützt und gewürdigt werden, die sich medizinisch, pflegerisch und seelsorglich um Sterbende bemühen, damit diese Phase ihres Lebens gut gestaltet werden kann. Auch die Woche für das Leben, die am kommenden Wochenende ökumenisch begonnen hätte, wird dem Anliegen weiterhin folgen, alte und gebrechliche, ja alle verletzlichen Menschen zu schützen und ihnen ein ‚Leben im Sterben‘ – so das Motto der diesjährigen Woche für das Leben – zu ermöglichen.“