Empfehlungsliste 2021

Die Jury des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises unter Vorsitz von Weihbischof Robert Brahm (Trier) hat 15 Titel für die diesjährige Empfehlungsliste ausgewählt. Die Bücher entfalten für Leserinnen und Leser im Kleinkindalter bis in die Jugend auf beispielhafte Weise einen Zugang zu christlichen Werten und religiösem Leben. 61 Verlage haben sich mit 175 Büchern am Wettbewerb beteiligt. Im Jahr 2021 wird kein Preisbuch gekürt. Auch die in München geplante Preisverleihung muss coronabedingt ausfallen. Mit der Empfehlungsliste macht sich die Jury für die 15 besonders empfehlenswerten Titel stark.

Der Jury gehören neben Weihbischof Robert Brahm an: Prof. Dr. Norbert Brieden (Wuppertal), Cornelia Klöter (Leipzig), Bettina Kraemer (Bonn), Susanne Kriesmer (Burgbrohl), Dr. Heidi Lexe (Wien), Dr. Klara Asako Sarholz (Bottrop), Prof. Dr. Markus Tomberg (Fulda), Elisabeth Wagner-Engert (Augsburg) und Anna Winkler-Benders (Frankfurt). Die Empfehlungsliste des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises 2021 umfasst die unten genannten Titel.

Hinweis:
Zum Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz ist am 6. April 2021 die Arbeitshilfe „Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2021“ (Arbeitshilfen Nr. 322) mit ausführlichen Rezensionen zu den Titeln der Empfehlungsliste sowie ein Plakat mit allen Covern der Bücher im Format DIN A1 erschienen. Beides kann bestellt werden unter „Publikationen“.

Davide Cali, Maurizio A. C. Quarello: Sie nannten uns die Müll-Kids

Verlagshaus Jacoby Stuart, Berlin, 2020
48 Seiten, ISBN 978-3-96428-065-7, 16,00 Euro
Ab 8 Jahren

Eine Gruppe junger Menschen lebt auf den Müllbergen einer durch eine Umweltkatastrophe zugrunde gegangenen Zivilisation.

In den Überresten suchen sie nach verwertbaren Dingen, die sie in ihrer aus den Trümmern entstandenen archaischen Lebenswelt gegen Wasser und Nahrung eintauschen können. Der Fund eines geheimnisvollen und möglicher weisekostbaren Objekts bringt sie dazu, den Müllberg auf der Suche nach einem meistbietenden Händler zu verlassen. Ihre Odyssee endet in der erstaunlichen Bibliothek von Salomon, der den gefundenen Gegenstand kennt. Schon lange sammelt er alle Bücher, die die Katastrophe überstanden haben und kann mit großer Überzeugungskraft von ihrer Bedeutung für die Menschen erzählen. Die Kraft der Fantasie, die sie in seinen Geschichten erleben, fasziniert die jungen Zuhörer. Zum ersten Mal erfahren sie, welchen Wert jedes einzelne Leben hat.

Die Hoffnung auf neue Perspektiven für die Zukunft wird sie nachhaltig verändern. Die atmosphärisch dichten Bildsequenzen zeigen eine an SF-Filme erinnernde dystopische Welt und schärfen den Blick auf die schwierige Lebenssituation heutiger Kinder in vielen Ländern der Erde. Eine nachdenkenswerte Hommage an das Buch als Kulturbewahrer und den Wert der Bildung für ein menschenwürdiges Leben.

Antje Damm: Füchslein in der Kiste

Moritz Verlag, Frankfurt am Main, 2020
32 Seiten, ISBN 978-3-89565-399-5, 12,95 Euro
Ab 4 Jahren

Die Kaninchen, die friedlich auf der Lichtung mit den alten Grabsteinen leben, sind nicht besonders erfreut über den Fuchs,

der, beladen mit einer schweren Kiste, eines Tages bei ihnen auftaucht. Doch der alte Fuchs ernährt sich schon lange nur von Tomatensuppe, weil er nicht mehr beißen kann. Aus dem anfänglichen Misstrauen der Kaninchen wird schon bald Neugier und Wertschätzung. Begeistert lauschen sie seinen Geschichten und lernen viel von dem lebenserfahrenen Tier. Auch dem alten Fuchs tun die gemeinsamen Unternehmungen gut. Er ist dankbar für die Zuneigung und Unterstützung seiner jungen Freunde, die an seinem Beispiel erfahren, wie man zufrieden und hoffnungsfroh sterben kann. Am Ende erhält er ein würdiges Begräbnis und wird durch seine Geschichten für immer in Erinnerung bleiben.

In kleinen Szenen mit gezeichneten, dann ausgeschnittenen und in einem lebendig ausgestalteten Diorama sehr plastisch inszenierten Figuren erschafft Antje Damm eine ganz eigene künstlerische Welt. Auf dieser Bühne erzählt sie wunderbar leicht und gerade deshalb nachhaltig beeindruckend vom Leben und von der Freude des Miteinanders, vom Abschiednehmen und Sterben und von der tröstlichen Erwartung dessen, was nach dem Tod kommt.

Micha Friemel, Jacky Gleich: Lulu in der Mitte

Carl Hanser Verlag, München, 2020
32 Seiten, ISBN 978-3-446-26612-4, 14,00 Euro
Ab 4 Jahren

Lulu ist ein freundliches und fantasiebegabtes Kind.

Doch die Sandwichposition zwischen dem großen Bruder Kaspar, der durch seinen Erfindungsreichtum glänzt, und dem niedlichen Baby Leonor, das von allen immer geknuddelt wird, macht das turbulente Familienleben für sie nicht immer leicht. Was auch immer sie tut, die Aufmerksamkeit der Großen gehört den Geschwistern. Wenn alle mit etwas anderem beschäftigt sind, sieht niemand hin, auch wenn sie Papierschnipsel in die Luft wirft und dazu Pirouetten tanzt. Die Rollen scheinen so endgültig verteilt, dass Lulu manchmal befürchtet, keinen festen Platz für sich zu finden. Doch abends trösten sie die Eltern und finden zur Heilung ihres großen Kummers die richtigen Worte: „Goldrichtig bist du. Der Schinken im Sandwich. Die Creme in der Schnitte, das Gelbe vom Ei.“ Welch ein schöner Gedanke, die goldene Mitte zu sein.

Der knappe Text Micha Friemels bringt das alltägliche Chaos in der liebenswerten Familie genau auf den Punkt. Jacky Gleichs schwungvoll skizzierte Alltagsszenen zeigen die starken Emotionen aller Familienmitglieder und nehmen trotz des humorvollen Blicks die Sorgen der sensiblen Lulu immer ernst.

 

Alexandra Helmig, Stefanie Harjes: Der Stein und das Meer

Mixtvision Verlag, München, 2020
32 Seiten, ISBN 978-3-95854-151-1, 18,00 Euro
Ab 5 Jahren

Hoch oben auf einem großen Felsen inmitten der starken Brandung eines großen Meeres liegt seit tausenden von Jahren ein grüner Stein.

Seine Neugierde auf die Welt ist groß. Wie gerne würde er die vertraute Umgebung verlassen, um die endlose Welt vor seinem Felsen kennenzulernen. Nach geduldigem Warten wird seine Sehnsucht nach dem Anderswo durch ein Unwetter gestillt, das ihn ins Meer spült. Während er mit den Jahren durch die Strömungen des Wassers immer kleiner wird, lernt er das Meer und seine Bewohner kennen und hört viele Geschichten. Mit der Zeit wird er müde, sein Heimweh wächst, bis er schließlich am Strand zu liegen kommt, von einem Mädchen gefunden und in die Luft geworfen wird und auf seinem angestammten Felsen zur Ruhe kommt.

Zeit ist eine ambivalente Sache, die gerade für Kinder schwer zu fassen ist. Alexandra Helmigs poetischer Text bietet eingängige Bilder, die ihren ewigen Lauf verstehbar machen, und von der Hoffnung auf Veränderung, vom Warten und vom Glück des Suchens und Gefunden-Werdens erzählen. Stefanie Harjes zeitlos schöne Collagen bieten in ihrer traumhaften Vielgestaltigkeit viele Anknüpfungspunkte für ein Nachdenken über die Unendlichkeit.

Monica Hesse: Sie mussten nach links gehen

cbj Verlag, München, 2020
448 Seiten, ISBN 978-3-570-16602-4, 18,00 Euro
Ab 14 Jahren

Die 18-jährige Zofia Ledermann hat im Gegensatz zu ihrer Familie die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Groß-Rosen überlebt,

weil sie und ihr Bruder Abek bei der Selektion an der Rampe nicht nach links und damit in die Gaskammer gehen mussten. 1945 ist sie als eine von tausenden Displaced Persons in ihrer polnischen Heimat und in Deutschland auf der Suche nach ihrem Bruder und nach einer Perspektive, die ihr Kraft für ein Leben nach dem Grauen der KZ geben könnte. Es ist ein schmerzhafter Weg für die traumatisierte junge Frau, die aus Selbstschutz viele Gräueltaten verdrängt hat und mit ihren unzuverlässig gewordenen Erinnerungen ringt. Trost und Hoffnung findet sie im Gedanken an das von ihr gestickte Alphabet, das alle Familienmitglieder benennt und die gemeinsame Vergangenheit vor dem Vergessen bewahrt. Obwohl der Antisemitismus mit dem Kriegsende längst nicht überall vorbei ist, erlebt Zofia auch Unterstützung und Zuwendung. In der Begegnung mit anderen werden die Möglichkeit eines Neuanfangs und die Hoffnung auf eine tragfähige Zukunft sichtbar.

Monica Hesse vermittelt ein historisch präzises und gleichzeitig nachhaltig berührendes Portrait der Menschen, die nach den Traumata der KZ einen Weg zurück ins Leben finden mussten.

Sarah Jäger: Nach vorn, nach Süden

rowohlt rotfuchs, Hamburg, 2020
224 Seiten, ISBN 978-3-499-00239-7, 18,00 Euro
Ab 14 Jahren

Lena, die sich mit den anderen Aushilfen eines Penny-Supermarktes regelmäßig im Hinterhof des Ladens trifft,

fühlt sich nicht wirklich zugehörig zu dieser eingeschworenen Gemeinschaft unterschiedlichster junger Leute, die sich alle schon lange kennen, und die ihr den wenig freundlichen Spitznamen „Entenarsch“ verpasst haben. Trotz all ihrer Bemühungen bleibt sie eine Randfigur, für die sich niemand wirklich interessiert. Jo dagegen, der seit einiger Zeit verschwunden ist, wird von den anderen schmerzlich vermisst. Lena, die daran nicht ganz unschuldig ist, hat als Einzige einen Führerschein und ein eigenes Auto und weckt so ganz unverhofft die Aufmerksamkeit der anderen. Schon bald ist sie mit dem heimlich bewunderten Can und Jos Freundin auf einer sommerlich heißen und ziemlich mühseligen Tour quer durch die deutsche Provinz unterwegs und folgt Jos Postkarten-Spuren in den Süden.

Sarah Jäger ist ein großartiges und wunderbar ehrliches Roadnovel gelungen, das mit eindrucksvoll unverbrauchten Sprachbildern und in mal ernsthaften, mal ganz leichtfüßigen und witzigen Dialogen vom Abenteuer Leben erzählt, von Schuld und Reue, von der Sehnsucht nach Sinn und dem Wunsch, dazuzugehören.

 

Leonora Leitl: Held Hermann. Als ich Hitler im Garten vergrub

Tyrolia-Verlag, Innsbruck, 2020
256 Seiten, ISBN 978-3-7022-3872-8, 19,95 Euro
Ab 11 Jahren

Angeregt durch historische Begebenheiten und die Erzählungen ihres Großvaters er zählt Leonora Leitl aus der Perspektive des 12-jährigen Hermann vom letzten Kriegsjahr im oberösterreichischen Freistadt,

dem sie in ihren farbigen Illustrationen viel Authentizität verleiht. Die Lebensmittelknappheit, der wachsende Druck durch die immer härter durchgreifenden Parteigänger der Nationalsozialisten und die Angst um das Leben der Angehörigen an der Front prägen den schwierigen Alltag der Menschen. Die Widerstandsgruppe, zu der auch Hermanns sozialdemokratisch geprägte Eltern gehören, gerät durch Verfolgung und Denunziation in Lebensgefahr. Doch trotz der bedrückenden Umstände findet der neugierige Junge gemeinsam mit seinen Freunden viele Gelegenheiten, die Wirren dieser unübersichtlichen Zeit für abenteuerliche Streifzüge und heimliche Beobachtungen zu nutzen.

Die bildhafte Sprache und die Wahl der noch sehr kindlichen Perspektive eines Jungen, der zwischen Indianerromantik und unbändiger Lebenslust die Verführbarkeit durch die NS-Propaganda erlebt und mit der Zeit ein Gespür für die Menschenverachtung dieser Ideologie entwickelt, vermittelt ein eindringliches Bild vom alltäglichen Leben im Nationalsozialismus.

Bart Moeyaert: Bianca

Carl Hanser Verlag, München, 2020
144 Seiten, ISBN 978-3-446-26618-6, 14,00 Euro
Ab 12 Jahren

Die 12-jährige Bianca findet in ihrer Familie zwischen ihrer durch die schwere Krankheit des kleinen Bruders Alan völlig überforderten Mutter

und dem getrenntlebenden Vater und seiner jungen Freundin keinen passenden Platz für sich. Das Mädchen, das mitten in der Pubertät steckt, ist voller Selbstzweifel und hadert mit dem Vorwurf, schwierig zu sein und es niemandem recht machen zu können. Bianca sehnt sich vergeblich nach Akzeptanz und hat ihre viel fältigen Vermeidungsstrategien von ihrer anstrengenden Familie entfernt. Trost sucht sie in ihrem Versteck auf dem Nachbargrundstück und in der Identifikation mit den Darstellern ihrer Lieblings-Soap „Hier bei uns“. Die wenig spektakuläre Begegnung mit der bewunderten Hauptdarstellerin dieser Serie führt ihr vor Augen, wie wenig diese Traumwelt mit der Realität zu tun hat, und verändert so ihre Sicht auf das Leben. Vielleicht gelingt es, die Sprachlosigkeit und damit die vielen Missverständnisse in der Familie zu beenden.

Fern aller Klischees entwirft Bart Moeyaert das glaubwürdige und sehr intensive Bild eines verunsicherten Mädchens. Ein vielschichtiger und sehr authentischer Blick in die Gefühlswelt junger Menschen zwischen Kindheit und Erwachsenwerden.

Nils Mohl, Katharina Greve: könig der kinder/tänze der untertanen

Mixtvision Verlag, München, 2020
je 64 Seiten, ISBN 978-3-95854-155-9,
ISBN 978-3-95854-156-6, je 16,00 Euro
Für alle

Wer Spaß an ungewöhnlichen Sprachbildern und schrägen Versen hat und wer sich auch sonst nicht scheut, ausgefahrene Denkmuster zu verlassen

und Sprache als wirksames Instrument der Veränderung von Wahrnehmung zu erleben, wird viel Freude an Nils Mohls Versen haben. Mit den zweimal 40 Gedichten – aufgeteilt in je einen Band für Kinder und einen für Jugendliche – kann man zeitgenössische Lyrik ganz neu für sich entdecken.

Hier wird Sprache zum Spielobjekt, wird auseinandergenommen, geschüttelt und neu zusammengesetzt. Vertauschte Silben und weggelassene Buchstaben zwingen zum genauen Hinsehen und Nachsprechen. Die kreative und hintersinnige Spielerei mit der Alltagssprache von Kindern und Jugendlichen und der manches Mal ziemlich respektlose Nonsens bieten häufig eine unerwartet tiefgründige und sogar transzendente Sicht auf eine Welt, die möglicherweise nicht ganz so ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. Und dann wieder erzeugen die Verse auch schlicht ein Gefühl von Freude und Geborgenheit, wenn es beispielsweise heißt:

wenn ich für mein kleines zelt
einen lieblingsplatz auswählen muss
errichte ich es unter freunden
irgendwo am redefluss.

Die reduzierten, häufig an Piktogramme erinnernden Illustrationen von Katharina Greve interagieren mit den kurzen Texten, ergänzen und erweitern ihre Aussage und lösen so immer wieder die Grenzen zwischen Sprache und Bild auf.

Moni Nilsson: So viel Liebe

Carlsen Verlag, Hamburg, 2020
128 Seiten, ISBN 978-3-551-55392-8, 12,00 Euro
Ab 10 Jahren

Leas Mutter hat Krebs. Ihre lange Krankengeschichte voller Hoffnungen und Rückschläge hat ihre Familie zusammengeschweißt

und jede gemeinsame Unternehmung zu etwas Besonderem gemacht. Doch plötzlich ist der Krebs wieder da und Lea und ihr Bruder müssen begreifen, dass der Mutter nicht mehr viel Zeit bleibt. Lea durchlebt Phasen der Wut und der Ohnmacht, hat Angst vor dem Verlassenwerden und dem Mitleid der anderen und wendet sich in ihrer Hilflosigkeit gegen alles und jeden. Doch die Menschen um sie herum erkennen ihre Nöte und lassen sie mit ihrer quälenden Hilflosigkeit nicht allein. Das Verständnis und die Fürsorge ihrer Familie und ihrer Freunde und die liebevolle Unterstützung durch die Mutter, die Vorbereitungen für die Zeit nach ihrem Tod trifft, tragen Lea durch diese schwierige Zeit und helfen ihr, den Abschied akzeptieren zu lernen.

Moni Nilsson erzählt aus kindlicher Perspektive eindringlich und kein bisschen sentimental davon, wie die Ankündigung eines viel zu frühen Todes eine Familie erschüttert und aus der Bahn zu werfen droht und wie Heilung gelingen kann. Ein herzergreifendes und trotz aller Traurigkeit sehr tröstliches Buch über Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt, die in schweren Zeiten die Kraft zum Leben geben.

Ursula Poznanski: Cryptos

Loewe Verlag, Bindlach, 2020
448 Seiten, ISBN 978-3-7432-0050-0, 19,95 Euro
Ab 12 Jahren

Jana ist Weltendesignerin und baut wie viele andere Mitarbeiter der einflussreichen Firma Mastermind täuschend echte virtuelle Welten,

die den Menschen auf der vom Klimawandel nachhaltig zerstörten Erde die Konfrontation mit dem menschengemachten Umweltdesaster ersparen sollen. Die meisten flüchten gerne aus ihren kargen Wohndepots und verbringen nahezu ihr ganzes Leben in den fantastischen Welten, die je nach Geschmack friedliche, abenteuerliche oder auch extrem gefährliche Unterhaltung bieten. Als ausgerechnet in Janas freundlicher Welt Kerrybrook ein Verbrechen passiert, dessen Opfer auch in der Realität tot aufgefunden wird, kommt die junge Frau einem menschenverachtenden Plan auf die Spur.

Ursula Poznanski entwirft das glaubwürdige Zukunftsszenario einer von menschlichen Schöpfern kreierten Welt, die jedem einzelnen die Flucht vor der Verantwortung verspricht und deshalb anfällig für Manipulationen ist. Unbeobachtet und ohne jegliche Legitimation wollen einige wenige darüber entscheiden, wer Zugang zu den spärlicher werdenden Überlebensressourcen haben soll. Wer diesen spannend konstruierten Zukunftsthriller liest, kommt an einer Auseinandersetzung mit den vielen ethischen Fragen rund um den menschengemachten Klimawandel nicht vorbei.

Lena Raubaum, Clara Frühwirth: Es gibt eine Zeit …

Tyrolia-Verlag, Innsbruck, 2020
26 Seiten, ISBN 978-3-7022-3902-2, 16,95 Euro
Ab 4 Jahren

„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit ...“

Für Kohelets Reflexionenim Alten Testament (Koh 3) findet Lena Raubaum zwölf ganz neue sprachliche Gegensatzpaare, die die Unendlichkeit und die Vergänglichkeit der Zeit mit viel Freude an eindringlichen und originellen Wortschöpfungen bebildern. „Es gibt eine Zeit für ein trauriges Kinn und eine, da lacht auch der Bauch …“. Die fantasievollen Sprachbilder aus der kindlichen Erfahrungswelt zeigen, dass Anfang und Ende, Weinen und Lachen, Streiten und Versöhnen, Reden und Schweigen, Verlieren und Finden, Einsamkeit und Gemeinschaft sich nicht ausschließen, sondern Teil eines großen Ganzen sind. Die poetischen und immer wieder überraschenden Verse erzählen davon, dass man den Wechselfällen des Lebens mit heiterer Gelassenheit begegnen kann, weil jede Zeit ihre eigenen Möglichkeiten bietet.

Clara Frühwirths Illustrationen greifen in akzentuiert gegeneinander gestellten farbigen und schwarz-weißen Sequenzen die vielen Assoziationen des Textes auf, finden in den Jahresringen eines Baumes und in einer hüpfenden Murmel eingängige Bilder für Beständigkeit und Vergänglichkeit und weiten in ihrer fantasievollen Symbolik den Blick auf das Wesen von Zeit und Ewigkeit.

Linn Skåber: Being Young: Uns gehört die Welt

rowohlt rotfuchs, Hamburg, 2020
256 Seiten, ISBN 978-3-499-00279-3, 24,00 Euro
Ab 13 Jahren

„Mein Herz ist ein stillgelegter Kiosk.“

Die Pubertät, diese verrückte Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein, ist geprägt von widerstreitenden Gefühlen und Stimmungen. Die norwegische Autorin und Schauspielerin Linn Skåber hat Jugendliche danach gefragt, wie es ist, heutzutage ein Teenager zu sein. Die erstaunlich offenen Antworten hat sie zu literarischen Monologen gestaltet, die zusammen mit den einfühlsamen farbstarken Illustrationen ein sehr authentisches Bild von der Stimmungslage der höchst unterschiedlichen jungen Leute zeichnen. Es geht um die Suche nach Identität, um Freundschaft und Ausgrenzung, um familiäre Schwierigkeiten, aber auch um die oft argwöhnisch beobachteten körperlichen Veränderungen und um die als immer wichtiger wahrgenommene Sexualität.

Neben der Orientierungslosigkeit und Zerrissenheit, die diese Zwischenzeit häufig prägen, spiegeln viele Texte auch die Aufbruchstimmung, die Frage nach Gott und die hoffnungsvollen Zukunftsträume wider, die für die Jugendlichen eine große Rolle spielen. Ein lesenswerter Einblick in die Lebenswelt heutiger Jugendlicher, die durch die Beispiele Gleichaltriger ermutigt werden, sich selbst anzunehmen und selbstbewusst den ureigenen Weg ins erwachsene Leben zu finden.

Issa Watanabe: Flucht

Carl Hanser Verlag, München, 2020
40 S., ISBN 978-3-446-26822-7, 16 Euro
für alle

Den allgegenwärtigen Tod immer in ihrer Nähe, ist eine wachsende Schar von Tieren auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft.

Einträchtig gehen sie nebeneinander durch eine dunkel und fremd aussehende Szenerie, getrieben von dem Wissen, dass der Tod ein Zurückgehen nicht erlaubt. Kurze Ruhepausen bringen etwas Frieden und Entspannung, aber die Durchquerung eines vom Sturm aufgepeitschten Meeres fordert trotz gegenseitiger Unterstützung viele Opfer. Als die Überlebenden einen freundlichen und Sicherheit verheißenden Ort erreichen, wächst neben aller Erschöpfung und Trauer die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft.

Mit symbolstarken Bildern und ganz ohne Worte erzählt Issa Watanabe von den Zumutungen und Gefahren einer Flucht ins Ungewisse. Ihre anthropomorphen Tierfiguren stehen beispielhaft für die Schicksale unzähliger Flüchtlinge und wecken in ihrer verletzlichen Individualität die Empathie des Betrachters, der sich der aufrüttelnden Dynamik des Geschehens nicht entziehen kann. Die farblich stark kontrastierten Szenen vor einem schwarzen Hintergrund und die Dynamik der Figuren erzeugen Spannung und enthüllen immer neue Details, die die existentielle Not der Fliehenden genauso erfahrbar machen wie ihren unbedingten Lebenswillen und den Mut zur Hoffnung.

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