Projektion 2060

Langfristige Projektion der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens in Deutschland

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© Ingo Bartussek / Fotolia.de

Das Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Albert-Ludwig-Universität Freiburg hat erstmals eine koordinierte Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung für die katholische und evangelische Kirche in Deutschland erstellt. Für die 20 evangelischen Landeskirchen und die 27 (Erz-)Bistümer der katholischen Kirche wurde ermittelt, wie sich Kirchenmitgliederzahlen und Kirchensteueraufkommen langfristig bis zum Jahr 2060 entwickeln werden – wenn das Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten der vergangenen Jahre auch für die Zukunft repräsentativ ist. Diese Studie ist heute (2. Mai 2019) vom FZG, der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) veröffentlicht worden. 

„Wir stellen uns auf Veränderungen ein“

Kardinal Marx und Landesbischof Bedford-Strohm

Für die beiden großen Kirchen ist klar, dass man sich den in der Projektion berechneten Entwicklungen frühzeitig stellen will: „Die Kirchen wollen die Erkenntnisse der Studie nutzen, um sich langfristig auf Veränderungen einzustellen. Diese Veränderungen werden kommen und es ist gut, in einer heute wirtschaftlich guten Lage die Fragen von morgen in den Blick zu nehmen“, erklären der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx.

„Die Projektion 2060 beschreibt die Auswirkungen eines Trends, der schon vor Jahren von der Sozialforschung festgestellt worden ist. Manches am Rückgang an Kirchenmitgliedern werden wir nicht ändern können. Anderes aber schon“, betonte der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm. „Überall in Deutschland haben sich Christinnen und Christen auf den Weg gemacht, die Ausstrahlungskraft unserer Kirche für die Zukunft so nachhaltig wie möglich zu stärken. Und das ist keine Frage der Mitgliedschaftszahlen. Die vielen Millionen Menschen, die sich in unseren Gemeinden und diakonischen Einrichtungen aus Freiheit und nicht aus gesellschaftlicher Konvention engagieren, sind schon heute die besten Botschafter der Kirche von morgen. Deutschland wäre ärmer ohne die vielen Christinnen und Christen, die sich aus der Kraft ihres Glaubens heraus für das Gemeinwesen einsetzen“, so Landesbischof Bedford-Strohm.

Kardinal Marx betont: „Die Verantwortung für die mittel- bis langfristige Planung der kirchlichen Haushalte – auch im Sinne einer Verantwortung für nachfolgende Generationen und angesichts des seelsorgerischen und sozialen Engagements der Kirche in vielfältigen Tätigkeitsfeldern – hat uns zu diesem Projekt veranlasst.“ Jetzt sei man dankbar, mit der aktuellen Langfristprojektion ein tiefergehendes Know-how über die wichtigste Einnahmequelle der Diözesen zu erlangen, um die kirchlichen Haushalte auch mittel- und langfristig an die erwartete Entwicklung anpassen zu können. „Wir geraten angesichts der Projektion nicht in Panik, sondern werden unsere Arbeit entsprechend ausrichten. Das gilt in diesem Zusammenhang auch für Fragen der künftigen Bedingungen in Bezug auf die Anzahl der Kirchenmitglieder und die daraus resultierenden pastoralen Erfordernisse. In der Kirche geht es immer darum, das Evangelium weiter zu sagen, auch unter veränderten Bedingungen. Für mich ist die Studie auch ein Aufruf zur Mission“, so Kardinal Marx.

Das Projekt steht unter der Leitung von Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen. Die wissenschaftliche Mitarbeit liegt bei David Gutmann und Fabian Peters. Den Berechnungen der Freiburger Wissenschaftler zufolge werden die Mitgliederzahlen beider Kirchen bis 2060 um ca. die Hälfte zurückgehen. Aufgrund stärkerer Zuwanderungsströme aus dem Ausland verliert die katholische Kirche geringfügig weniger Mitglieder als die evangelische. „Die Ergebnisse haben wir dem Grunde nach so erwartet“, erklärt Bernd Raffelhüschen. „Neu ist allerdings die Erkenntnis, dass sich weniger als die Hälfte des Rückgangs mit dem demografischen Wandel erklären lässt. Einen größeren Einfluss auf die Mitgliederentwicklung hat das Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten von Kirchenmitgliedern.“ Für den Finanzwissenschaftler ist damit klar, dass sich ein differenzierter Blick auf die Gründe des Mitgliederrückgangs lohnt: „Die Kirchen sollten ihre Anstrengungen bei der Suche nach Zusammenhängen, die sie beeinflussen können, intensivieren.“ Mit dem Rückgang der Mitgliederzahlen werden sich auch die finanziellen Möglichkeiten der beiden Kirchen bis 2060 in etwa halbieren. Die sinkende Zahl an Kirchensteuerzahlern wird dazu führen, dass die Einnahmen nicht im gleichen Maße wachsen wie die Ausgaben, sodass einem tendenziell stagnierenden Kirchensteueraufkommen steigende Preise für kirchliche Ausgaben – vor allem im Personalbereich – gegenüberstehen. „Unsere Analyse macht aber auch deutlich, dass die Kirchen gerade in den kommenden zwei Jahrzehnten weiterhin über Ressourcen zur Umgestaltung verfügen. Diese gilt es klug einzusetzen“, so Bernd Raffelhüschen.

Weitere Informationen
  • Übersicht der Ergebnisse
    Langfristige Projektion der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens in Deutschland – evangelische und katholische Kirche (veröffentlicht am 2. Mai 2019)
  • Zahlen für die katholische Kirche
    Langfristige Projektion der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens in Deutschland. Eine Studie des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg
  • Fragen und Antworten (FAQ)
    zur Langfristprojektion von Kirchenmitgliedern und Kirchensteuer

Altersstruktur der Mitglieder der katholischen Kirche in Deutschland

Je weiter ein Balken nach außen ragt, desto mehr Kirchenmitglieder dieses Alters und Geschlechts gibt es. Zu erkennen sind drei mitgliederstarke Altersbereiche (Babyboomer, deren Eltern bzw. deren Kinder):

  • Geburtsjahrgänge 1955 bis 1965: Im Jahr 2017 waren dies Kirchenmitglieder um die 50 Jahre, die sogenannten Babyboomer.
  • Geburtsjahrgänge vor 1940: Es handelt sich um die Eltern der sogenannten Babyboomer.
  • Geburtsjahrgänge Mitte der 1980er: Es handelt sich um die Kinder der sogenannten Babyboomer, die heute um die 30 Jahre alt sind.

 

 

Je weiter ein Balken nach außen ragt, desto mehr Kirchenmitglieder dieses Alters und Geschlechts gibt es.

Die Jahrgänge zwischen Babyboomern und deren Kindern sind zahlenmäßig kleiner. Dies liegt zum einen an geringeren Geburtenzahlen und zum anderen an Kirchenaustritten. Diese Entwicklung betrifft beide Geschlechter, ist aber bei den Männern aufgrund höherer Austrittszahlen stärker ausgeprägt. Sowohl die Babyboomer als auch deren Kinder werden im Zeitverlauf älter und rücken nach oben. Da sich die Anzahl der Kirchenmitglieder aufgrund von Sterbefällen und Kirchenaustritten in den kommenden Jahrzehnten verkleinert und gleichzeitig unten kleinere Jahrgänge nachrücken, wird die Alterspyramide insgesamt schmaler.

 

 

Je weiter ein Balken nach außen ragt, desto mehr Kirchenmitglieder dieses Alters und Geschlechts gibt es.

 

 

Annahmebasierte Mitgliederentwicklung der katholischen Kirche in Deutschland

Unter den getroffenen Annahmen wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland bis 2060 um 48 Prozent verringern. Bis 2035 beträgt der Rückgang 20 Prozent.

Dies hat zum einen demografische Ursachen. Die zukünftig zu erwartenden katholischen Sterbefälle überwiegen die Zahl der katholischen Zuwanderer aus dem Ausland sowie die Zahl der Kinder, die von katholischen Müttern zur Welt gebracht werden. Dieser Überhang an Sterbefällen über Geburten und Zuwanderung führt dazu, dass sich die Mitgliederzahlen bis 2060 um 19 Prozentpunkte verringern werden.

Die Folgen des demografischen Wandels sind jedoch nicht alleine für den Mitgliederrückgang verantwortlich. Berücksichtigt man zusätzlich, dass nicht alle Kinder von katholischen Müttern getauft werden und die Auswirkungen des Überhangs von Kirchenaustritten und -eintritten, vergrößert sich der Mitgliederrückgang um weitere 29 Prozentpunkte, sodass die katholische Kirche bis 2060 48 Prozent ihres Mitgliederstandes 2017 verlieren wird.